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Das Städtchen
I.
Ein zäher, gelber Nebel, dessen Feuchtigkeit mit Braunkohlenruß
und chemischen Substanzen gesättigt war,
lagerte in den letzten Oktobertagen drohend und ungesund
über der kleinen Stadt, bestrich das Pflaster mit
glitschiger Nässe, verschlang die Sonne und ließ abends
die Gaslaternen der kommunalen Straßenbeleuchtung
als grüne Irrlichter auftauchen und jäh verschwinden.
Nun begann es noch zu regnen.
Auf dem Rathausplatz stand unter der im Jahre 1663
errichteten Pestsäule der Wachmann Vinzenz Gugurell,
die Hände auf dem Rücken, und musterte, mit geröteten
Bernhardineraugen blinzelnd, strenge ein paar
Schulkinder, die anscheinend vergnügt mit den Schuhabsätzen
sinnvolle Kanalsysteme durch den Kot zogen.
Sein ergrauender Schnurrbart, durch kunstreiche
Heranziehung eines Stückes Backenbart martialisch
verbreitert, hing triefend und weinerlich an dem von
Wetter und Alkohol gebeizten fleischigen Gesicht. Er
ärgerte sich über seine feuchten Füße und fror. Seine
Tour hatte um vier Uhr nachmittags begonnen, und aus
unverzeihlichem Mangel an Voraussicht hatte er seinen
schwarzen Wachstuchkragen, die vorgeschriebene Adjustierung
für Regenwetter, in der Wachstube vergessen.
Mit bekümmerter Amtsmiene nahm er den Verlauf
dieser kläglichen und unwillkommenen Naturerscheinung
wahr, für deren anstandslose Abwicklung – insofern
sie in seine Dienststunden fiel – er sich persönlich
verantwortlich fühlte. Wie täglich um diese Stunde
umschritt er die Pestsäule, überquerte den Platz und
patrouillierte gemessen durch die Gerechtigkeitsgasse,
pflichtgemäß die Straßenkreuzung im Auge behaltend,
ob nicht etwa ein Wagen in unerlaubtem Tempo um die
Ecke käme oder ein anderes ordnungswidriges Ereignis
die Intervention der Sicherheitsbehörde herausfordere.
Aber nichts Ungehöriges oder Verdächtiges trat ein.
Die Seitengassen duckten sich still und tückisch in die
Dämmerung, und die wenigen friedsamen Passanten,
die irgendwelche bürgerlichen Verrichtungen ins Freie
zwangen, boten keinen Anlaß zu außergewöhnlichen
Maßnahmen. Mit beschleunigten Schritten strebten sie
ihren Zielen zu und sahen beleidigt nach den beleuchteten
Fenstern, hinter denen sie Trockenheit, Wärme und
familiäre Gerüche vermuten konnten. Fast alle tauschten
mit dem Wachmann Gugurell einen freundlichen
Gruß und hatten bei seinem Anblick eine deutlich betonte
Empfindung von Sicherheit und wohltuendem
Bevormundetsein.
Die Trostlosigkeit des Tages verwandelte sich träge
in eine verfrühte Nacht. Häßliche Hunde schnupperten
verzagt an abgespülten Ecksteinen, fanden sich
nicht zurecht und schlichen mit unruhigen Ohren und
struppigem Fell die Häuser entlang. Aus den unterirdischen
Küchen der vielen kleinen Gastwirtschaften
stiegen einladend die scharfen Dünste in Mehl eingebrannter
Speisen. Vom Rathausturme zitterten sieben
tiefe gesprungene Schläge, und gleich darauf begann die
Glocke der Kapuzinerkirche ihren Mahnruf gewohnheitsmäßig
und geschäftig in kurzen asthmatischen Anläufen
gegen den dunkelbraunen, stinkenden Himmel
zu hämmern, der leer und verschlossen über die Dächer
gestülpt war.
Der Wachmann verschwand im Schatten der Promenade.
Über dem Eingang des Stadttheaters flammte mit
hektischer Röte das Licht einer einzelnen Bogenlampe
auf. In Gängen und Garderoben herrschte geheimnisvolle
Betriebsamkeit. Der eiserne Vorhang, der gestern
steckengeblieben war, wurde ausprobiert und das
Drahtseil eingefettet. Auf der Bühne hallte die ärgerliche
Stimme des Inspizienten. Ein Türrahmen wackelte.
Der Lehnstuhl stand nicht richtig. Gestalten in blauen
Arbeitskitteln griffen auf seinen Wink zu, trafen lärmend
und mechanisch die letzten Vorbereitungen. Auf
dem Kasten saß die Souffleuse und strickte.
Direktor Gottlieb Müller-Monti strich mit aufgestelltem
Mantelkragen um die Kasse und hustete klangvoll,
spähte nach dem Wetter und rieb sich die knochigen
Hände. Ein guter Tag, ein gesegneter Abend! Ein
Wetterchen, bei dem das verehrliche Publikum selbst
„Die Räuber“ von Herrn Friedrich von Schiller dankbar
in Kauf nahm. Überhaupt eine treffliche Einführung,
im Anfang der Saison die Klassiker zu Worte
kommen zu lassen … Man lernte Personal und Publikum
kennen und sparte an Tantiemen.
Der Kassier grüßte aus dem Schalter. Der Direktor
nickte freundlich und ließ sich über den Vorverkauf
berichten. Er kannte kein Lampenfieber und brauchte
nicht länger als sechzehn Minuten, um sich anzuziehen
und für den alten Moor Maske zu machen.
Realschüler begannen beim Einlaß zur Galerie Aufstellung
zu nehmen. Sämtliche Logen waren verkauft.
Es gab ein volles Haus. Der Direktor lächelte zufrieden.
An allen Ecken der Stadt klebten die großen roten
Zettel: Dritter Klassiker-Abend bei aufgehobenem
Abonnement. Amalia, Frau Müller-Monti.
Gegenüber dem Bahnhof krochen die Kutscher aus
dem Kaffeekeller, schwangen die Arme und machten
sich an ihren angeregneten Pferden zu schaffen, denn der
Wiener Schnellzug hatte um 7 Uhr 10 einzutreffen.
(...)
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