Das Städtchen von Hans Adler, 2009, Lilienfeld

Hans Adler

Das Städtchen
(Leseprobe aus: Das Städtchen, Roman, 1926/2009, Lilienfeldiana im Lilienfeld Verlag).

I.

Ein zäher, gelber Nebel, dessen Feuchtigkeit mit Braunkohlenruß

und chemischen Substanzen gesättigt war,

lagerte in den letzten Oktobertagen drohend und ungesund

über der kleinen Stadt, bestrich das Pflaster mit

glitschiger Nässe, verschlang die Sonne und ließ abends

die Gaslaternen der kommunalen Straßenbeleuchtung

als grüne Irrlichter auftauchen und jäh verschwinden.

Nun begann es noch zu regnen.

Auf dem Rathausplatz stand unter der im Jahre 1663

errichteten Pestsäule der Wachmann Vinzenz Gugurell,

die Hände auf dem Rücken, und musterte, mit geröteten

Bernhardineraugen blinzelnd, strenge ein paar

Schulkinder, die anscheinend vergnügt mit den Schuhabsätzen

sinnvolle Kanalsysteme durch den Kot zogen.

Sein ergrauender Schnurrbart, durch kunstreiche

Heranziehung eines Stückes Backenbart martialisch

verbreitert, hing triefend und weinerlich an dem von

Wetter und Alkohol gebeizten fleischigen Gesicht. Er

ärgerte sich über seine feuchten Füße und fror. Seine

Tour hatte um vier Uhr nachmittags begonnen, und aus

unverzeihlichem Mangel an Voraussicht hatte er seinen

schwarzen Wachstuchkragen, die vorgeschriebene Adjustierung

für Regenwetter, in der Wachstube vergessen.

Mit bekümmerter Amtsmiene nahm er den Verlauf

dieser kläglichen und unwillkommenen Naturerscheinung

wahr, für deren anstandslose Abwicklung – insofern

sie in seine Dienststunden fiel – er sich persönlich

verantwortlich fühlte. Wie täglich um diese Stunde

umschritt er die Pestsäule, überquerte den Platz und

patrouillierte gemessen durch die Gerechtigkeitsgasse,

pflichtgemäß die Straßenkreuzung im Auge behaltend,

ob nicht etwa ein Wagen in unerlaubtem Tempo um die

Ecke käme oder ein anderes ordnungswidriges Ereignis

die Intervention der Sicherheitsbehörde herausfordere.

Aber nichts Ungehöriges oder Verdächtiges trat ein.

Die Seitengassen duckten sich still und tückisch in die

Dämmerung, und die wenigen friedsamen Passanten,

die irgendwelche bürgerlichen Verrichtungen ins Freie

zwangen, boten keinen Anlaß zu außergewöhnlichen

Maßnahmen. Mit beschleunigten Schritten strebten sie

ihren Zielen zu und sahen beleidigt nach den beleuchteten

Fenstern, hinter denen sie Trockenheit, Wärme und

familiäre Gerüche vermuten konnten. Fast alle tauschten

mit dem Wachmann Gugurell einen freundlichen

Gruß und hatten bei seinem Anblick eine deutlich betonte

Empfindung von Sicherheit und wohltuendem

Bevormundetsein.

Die Trostlosigkeit des Tages verwandelte sich träge

in eine verfrühte Nacht. Häßliche Hunde schnupperten

verzagt an abgespülten Ecksteinen, fanden sich

nicht zurecht und schlichen mit unruhigen Ohren und

struppigem Fell die Häuser entlang. Aus den unterirdischen

Küchen der vielen kleinen Gastwirtschaften

stiegen einladend die scharfen Dünste in Mehl eingebrannter

Speisen. Vom Rathausturme zitterten sieben

tiefe gesprungene Schläge, und gleich darauf begann die

Glocke der Kapuzinerkirche ihren Mahnruf gewohnheitsmäßig

und geschäftig in kurzen asthmatischen Anläufen

gegen den dunkelbraunen, stinkenden Himmel

zu hämmern, der leer und verschlossen über die Dächer

gestülpt war.

Der Wachmann verschwand im Schatten der Promenade.

Über dem Eingang des Stadttheaters flammte mit

hektischer Röte das Licht einer einzelnen Bogenlampe

auf. In Gängen und Garderoben herrschte geheimnisvolle

Betriebsamkeit. Der eiserne Vorhang, der gestern

steckengeblieben war, wurde ausprobiert und das

Drahtseil eingefettet. Auf der Bühne hallte die ärgerliche

Stimme des Inspizienten. Ein Türrahmen wackelte.

Der Lehnstuhl stand nicht richtig. Gestalten in blauen

Arbeitskitteln griffen auf seinen Wink zu, trafen lärmend

und mechanisch die letzten Vorbereitungen. Auf

dem Kasten saß die Souffleuse und strickte.

Direktor Gottlieb Müller-Monti strich mit aufgestelltem

Mantelkragen um die Kasse und hustete klangvoll,

spähte nach dem Wetter und rieb sich die knochigen

Hände. Ein guter Tag, ein gesegneter Abend! Ein

Wetterchen, bei dem das verehrliche Publikum selbst

„Die Räuber“ von Herrn Friedrich von Schiller dankbar

in Kauf nahm. Überhaupt eine treffliche Einführung,

im Anfang der Saison die Klassiker zu Worte

kommen zu lassen … Man lernte Personal und Publikum

kennen und sparte an Tantiemen.

Der Kassier grüßte aus dem Schalter. Der Direktor

nickte freundlich und ließ sich über den Vorverkauf

berichten. Er kannte kein Lampenfieber und brauchte

nicht länger als sechzehn Minuten, um sich anzuziehen

und für den alten Moor Maske zu machen.

Realschüler begannen beim Einlaß zur Galerie Aufstellung

zu nehmen. Sämtliche Logen waren verkauft.

Es gab ein volles Haus. Der Direktor lächelte zufrieden.

An allen Ecken der Stadt klebten die großen roten

Zettel: Dritter Klassiker-Abend bei aufgehobenem

Abonnement. Amalia, Frau Müller-Monti.

Gegenüber dem Bahnhof krochen die Kutscher aus

dem Kaffeekeller, schwangen die Arme und machten

sich an ihren angeregneten Pferden zu schaffen, denn der

Wiener Schnellzug hatte um 7 Uhr 10 einzutreffen.

(...)

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