Erlösung von Jussi Adler-Olsen, 2011, dtv

Jussi Adler-Olsen

Erlösung
(Leseprobe aus: Flaskepost fra P/Erlösung, Roman, 2009/2011, dtv - Übertragung Hannes Thiess)

Prolog

Der dritte Morgen war angebrochen, und inzwischen hing der

Geruch von Teer und Tang schon in der Kleidung. Er hörte das

grießige Eis, das unter den Planken des Bootshauses schwerfällig

gegen die Pfähle schwappte. Erinnerungen an Tage wurden

wach, als alles noch gut war.

Er hob seinen Oberkörper von dem Lager aus Papierabfällen

und zog sich so weit nach vorn, dass er das Gesicht seines

kleinen Bruders erkennen konnte. Noch im Schlaf wirkte er

verfroren und gequält.

Bald würde er aufwachen und sich verwirrt umschauen.

Dann würde er die straffen Lederriemen an den Handgelenken

und um den Leib spüren und das Klirren der Kette hören,

die ihn festhielt. Durch die Ritzen zwischen den geteerten

Brettern würde er sehen, wie das Tageslicht und der Schnee

darum kämpften, zu ihnen vorzudringen. Und dann würde er

anfangen zu beten.

Unzählige Male schon hatte er die Verzweiflung in den

Augen seines Bruders aufflackern sehen. Halb erstickt hinter

dem Klebeband über seinem Mund hatte er immer wieder um

Jehovas Gnade gewinselt.

Aber Jehova würdigte sie keines Blickes, das wussten sie

beide, denn sie hatten von dem Blut getrunken. Von dem Blut,

das der Wärter in ihre Wassergläser getröpfelt hatte. Und dann

hatte er sie gezwungen, daraus zu trinken. Erst danach hatte

er ihnen gesagt, was sie da getrunken hatten: Wasser mit dem

verbotenen Blut. Jetzt waren sie auf ewig verdammt. Seither

brannte die Scham in ihnen noch stärker als der Durst.

Was wird er mit uns machen? Was glaubst du?, hatten die

ängstlichen Augen seines Bruders gefragt. Aber woher sollte

er das wissen? Instinktiv fühlte er, dass bald alles vorbei sein

würde.

Er lehnte sich zurück, und seine Augen suchten in dem

schwachen Licht noch einmal den ganzen Raum ab. Er ließ den

Blick an den Dachsparren und den vielen Spinnweben entlangwandern.

Prägte sich alle Ecken und Kanten und Astvorsprünge

ein. Registrierte die morschen Paddel und die Ruder, die

hinter den Verstrebungen steckten, das verrottete Fischernetz,

das schon vor langer Zeit seinen letzten Fang eingeholt hatte.

Dann fiel sein Blick auf die Flasche hinter ihm. Ein Sonnenstrahl

war über das bläuliche Glas geglitten und hatte es

aufblinken lassen.

Die Flasche war so nahe, und doch war es so schwer, an sie

heranzukommen. Sie steckte eingekeilt zwischen den groben

Planken, aus denen der Boden gezimmert war.

Er steckte die Finger zwischen die Bretter und versuchte,

den Flaschenhals zu erreichen. Seine Hände waren steif gefroren

vor Kälte. Wenn er die Flasche losbekam, würde er sie

zerschlagen und mit den Scherben die Lederriemen an ihren

Handgelenken aufscheuern. Sobald sie nachgaben, könnte er

mit seinen tauben Händen die Schnalle im Rücken öffnen, das

Klebeband vom Mund reißen und die Riemen vom Oberkörper

und den Schenkeln abstreifen. Und sobald die Kette, die an den

Lederriemen hing, ihn nicht länger festhielt, würde er losstürzen

und seinen kleinen Bruder befreien. Ihn an sich ziehen und

so lange im Arm halten, bis ihre Körper nicht mehr zitterten.

Anschließend würde er alle Kraft zusammennehmen und

mit der Glasscherbe das Holz rings um die Tür bearbeiten.

Versuchen, die Bretter auszuhöhlen, an denen die Scharniere

saßen. Und sollte das Entsetzliche geschehen und das Auto

kommen, bevor er fertig war, dann würde er den Mann erwarten.

Hinter der Tür würde er ihm auflauern, in der Hand den

zerbrochenen Flaschenhals. Ja, er würde es tun.

Er lehnte sich vor, faltete seine eiskalten Hände auf dem Rücken

und bat um Vergebung für seine bösen Gedanken.

Aber dann kratzte und scharrte er weiter, um die Flasche

freizubekommen. Kratzte und scharrte, bis sie sich schließlich

so weit lockerte, dass er den Hals zu fassen bekam.

Er spitzte die Ohren.

War das ein Motor? Ja, eindeutig. Es klang wie der starke

Motor eines großen Wagens. Aber kam das Auto näher oder

fuhr es nur irgendwo da oben vorbei?

Das Brummen nahm zu, und er begann so fieberhaft an dem

Flaschenhals zu zerren, dass seine Fingergelenke knackten.

Dann wurde das Geräusch leiser. Waren das Windräder, die

dort draußen rauschten und rumpelten?

Seine warme Atemluft bildete Dampfwolken vor seinem

Gesicht. Im Moment fürchtete er sich eigentlich nicht. Der

Gedanke an Jehova und seine Gnadengeschenke gab ihm

Kraft.

Er biss die Zähne zusammen und machte weiter.

Als er die Flasche endlich losbekommen hatte, schlug er sie

so fest auf die Bohlen, dass sein Bruder mit einem Ruck den

Kopf hob und sich erschrocken umsah.

Immer wieder schlug er die Flasche auf die Bodenplanken.

Aber mit den Händen auf dem Rücken konnte er einfach nicht

weit genug ausholen. Und als seine Finger nicht mehr festzuhalten

vermochten, ließ er die Flasche los, drehte seinen Kopf

so weit er konnte nach hinten und starrte mit leerem Blick

darauf.

Er sah zu, wie der Staub von den Dachbalken rieselte. Er

schaffte es einfach nicht, diese verdammte Flasche zu zerbrechen.

Diese lächerliche kleine Flasche. Aber es ging einfach

nicht. Warum nur? Weil er von dem verbotenen Blut getrunken

hatte? Hatte Jehova sie deshalb verlassen?

Er sah zu seinem Bruder hinüber, der sich in die Decke einrollte

und langsam auf das Lager zurücksank. Sein Bruder sag10

te kein Wort. Versuchte nicht einmal, hinter dem Klebeband

etwas zu murmeln.

Es dauerte lange, bis er alles eingesammelt hatte, was er

brauchte. Am schwierigsten war es, sich angekettet so weit zu

strecken, dass er mit den Fingerspitzen an den Teer zwischen

den Dachbalken herankam. Alles andere hatte er in Reichweite:

die Flasche, die Holzsplitter von den Bodenplanken und das

Papier. Auf dem saß er.

Er streifte einen Schuh ab, hielt eine Hand über das Leder

und stach sich mit dem Holzsplitter tief in die Handwurzel.

Tränen schossen ihm in die Augen. Er ließ das Blut auf seinen

Schuh tropfen, eine oder zwei Minuten lang. Dann riss er ein

großes Stück Papier von der Unterlage, tauchte den Splitter in

das Blut, drehte seinen Körper und zog so an der Kette, dass

er gerade noch sehen konnte, was er hinter seinem Rücken

schrieb. Es war schwer, in dieser Position zu schreiben, aber

er versuchte, so gut wie möglich von ihrer Not zu berichten.

Am Schluss unterschrieb er, rollte das Papier zusammen und

schob es in die Flasche.

Er nahm sich Zeit, den Teerklumpen tief in den Flaschenhals

zu stopfen. Ruckelte ihn hin und her und kontrollierte

mehrmals, ob alles ordentlich verschlossen war.

Als er gerade fertig war, hörte er erneut Motorengeräusch.

Diesmal gab es keinen Zweifel. Eine schmerzlich lange Sekunde

sah er seinen Bruder an, dann streckte er sich mit aller

Kraft zum Licht, das durch einen breiten Spalt in der Wand

fiel – und damit zu der einzigen Öffnung, durch die er die

Flasche pressen konnte.

Die Tür ging auf und in einer Wolke weißer Schneeflocken

erschien ein riesiger Schatten.

Stille.

Dann ein Klatschen.

Die Flasche war frei.

 

1

Carl war schon unter besseren Bedingungen aufgewacht.

Als Erstes registrierte er den Säurespringbrunnen in seiner

Speiseröhre. Er schlug die Augen auf, um nach etwas zu

suchen, das dieses unangenehme Gefühl besänftigen könnte.

Da entdeckte er auf dem Kissen neben sich das Gesicht einer

Frau, mit Speichelfäden am Mund und verschmierter Wimperntusche.

Ach du Scheiße, dachte er, das ist ja Sysser. Krampfhaft versuchte

er sich zu erinnern, was er sich wohl am vergangenen

Abend geleistet haben mochte. Ausgerechnet Sysser. Seine

wie ein Schlot rauchende Nachbarin. Die schnell sprechende

und bald pensionierte »Frau für alle Fälle« aus dem Rathaus

Allerod.

Ein entsetzlicher Gedanke kam ihm, und er hob ganz langsam

die Bettdecke hoch. Erleichtert stellte er fest, dass er immerhin

seine Unterhose anhatte.

»Verdammt«, stöhnte er und schob Syssers sehnige Hand

von seinem Brustkorb. Solche Kopfschmerzen hatte er nicht

mehr gehabt, seit Vigga ausgezogen war.

»Bitte keine Details«, sagte er zu Morten und Jesper unten in

der Küche. »Erzählt mir einfach nur, was die Frau dort oben

auf meinem Kopfkissen zu suchen hat.«

»Hey, die Alte wiegt ’ne Tonne«, unterbrach ihn sein Pflegesohn,

öffnete einen Karton Orangensaft und hob ihn an den

Mund. Den Tag, an dem Jesper lernte, aus einem Glas zu trinken,

konnte nicht mal Nostradamus vorhersagen.

»Ja, also entschuldige, Carl«, sagte Morten. »Aber sie konn12

te ihre Schlüssel nicht finden, und du warst ja sowieso schon

weg vom Fenster, und da hab ich gedacht …«

Das war das letzte Mal, dass ich bei einer von Mortens

Grillpartys mitgemacht hab, schwor sich Carl und warf einen

Blick ins Wohnzimmer zu Hardys Bett.

Als gemütliches Zuhause empfand er das hier nicht mehr,

seit sie vor vierzehn Tagen seinen ehemaligen Kollegen in

den häuslichen Gemächern installiert hatten. Nicht, weil das

Krankenbett ein Viertel der Grundfläche des Wohnzimmers

einnahm und die Aussicht zum Garten verdeckte, auch nicht,

weil die Gestelle mit den diversen Tüten daran Carl unangenehm

waren oder weil Hardys gelähmter Körper permanent

übel riechende Gase verströmte – das alles war nicht der

Grund. Nein, es war dieses konstant schlechte Gewissen, das

alles veränderte. Dass Carls Beine ihre Funktion erfüllten und

er, wann immer ihm der Sinn danach stand, abhauen konnte.

Und zu diesem schlechten Gewissen gesellte sich das Gefühl,

etwas wiedergutmachen zu müssen. Für Hardy da sein zu

müssen. Etwas für diesen gelähmten Mann tun zu müssen.

»Nun mal ganz ruhig«, war ihm Hardy zuvorgekommen,

als sie vor ein paar Monaten hin und her überlegt hatten, welche

Vor- und Nachteile es hätte, wenn sie ihn aus der Klinik

für Wirbelsäulenverletzungen in Hornbak zu Carl nach Hause

holten. »Hier oben vergeht durchaus mal ’ne ganze Woche,

ohne dass ich dich sehe. Glaubst du nicht, dass ich da deine

Aufmerksamkeit ein paar Stunden entbehren kann, wenn ich

zu dir nach Hause ziehe?«

Aber die Sache war doch die: Hardy war trotzdem immer

da, selbst wenn er so still vor sich hinschlummerte wie gerade

jetzt. Physisch. In Gedanken. Bei der Alltagsplanung. In allen

Worten, die plötzlich viel sorgfältiger überlegt sein wollten.

Das war anstrengend. Dabei sollte Zuhausesein doch eigentlich

nicht anstrengend sein, verdammt noch mal.

Hinzu kamen all die praktischen Details. Wäsche waschen,

Bettzeug wechseln, sich mit Hardys gewaltigem Körper

herumplagen.

Der Einkauf, der Kontakt mit den Krankenschwestern

und Ämtern. Essen kochen. Na ja, um das meiste

kümmerte sich Morten. Aber das war eben nicht alles.

»Hast du gut geschlafen, altes Haus?«, fragte er vorsichtig,

als er sich Hardys Lager näherte.

Sein ehemaliger Kollege öffnete die Augen und versuchte

zu lächeln. »Tja, so ist das, Carl, der Urlaub ist um, die Arbeit

ruft. Die letzten zwei Wochen sind wie im Flug vergangen.

Aber Morten und ich werden das schon schaffen. Hauptsache,

du vergisst nicht, die Kumpels von mir zu grüßen, klar?«

Carl nickte. Es musste verdammt hart sein für Hardy, verdammt

hart. Wenn man doch nur einen Tag mit ihm tauschen

könnte.

Nur einen einzigen Tag für Hardy.

Abgesehen von den Wachhabenden in ihrem Käfig sah Carl

keine Menschenseele. Der Hof des Präsidiums war wie leer

gefegt und der Säulengang wintergrau und abweisend.

»Was zum Teufel ist denn hier los?«, rief er, als er kurz darauf

den Kellerflur entlangging.

Er hatte einen lautstarken Empfang erwartet, den Geruch

von Assads Pfefferminzkleister oder zumindest eine von Roses

gepfiffenen Versionen der großen Klassiker. Aber auch

hier unten war alles wie ausgestorben. Waren die in den vierzehn

Tagen, die er sich für Hardys Umzug freigenommen

hatte, einfach alle von Bord gegangen?

Er betrat Assads Kämmerchen und sah sich irritiert um.

Keine Fotos von alten Tanten, kein Gebetsteppich, keine Döschen

mit klebrigem Gebäck. Sogar die Neonröhren an der Decke

waren ausgeschaltet.

Er ging über den Flur und machte in seinem Büro Licht.

Sein sicheres Terrain, bis zu dem das Rauchverbot nicht vorgedrungen

war. Der Ort, wo er immerhin schon drei Fälle

gelöst hatte – und erst zwei hatte aufgeben müssen. Wo alle

alten Fälle, das Arbeitsgebiet des Sonderdezernats Q, in drei

zierlichen Aktenstapeln überschaubar und ordentlich auf seinem

Schreibtisch gelegen hatten, vorsortiert nach seinem unfehlbaren

System.

Abrupt blieb er stehen. Der blank polierte Schreibtisch war

nicht wiederzuerkennen. Kein Staubkörnchen. Kein einziger

dicht beschriebener DIN-A4-Bogen, auf den man seine müden

Beine legen und den man anschließend in den Papierkorb

knüllen konnte. Kurz gesagt: Alles war wie leer gefegt.

»Rose!«, brüllte er mit so viel Nachdruck, wie er aufbringen

konnte.

Aber seine Stimme verhallte in den Kellergemächern.

Er war der letzte Mohikaner, Kevin allein zu Haus, der

Hahn ohne Hühnerhof. Der König, der für ein Pferd sein Königreich

hergeben würde.

Er griff nach dem Telefon und gab die Nummer von Lis ein,

oben in der Mordkommission.

Nach fünfundzwanzig Sekunden wurde abgenommen.

»Dezernat A, Sekretariat«, hörte er die Stimme von der

Sorensen – der Kollegin, die Carl von allen wohl am feindlichsten

gesonnen war.

»Frau Sorensen«, säuselte er. »Carl Morck hier. Ich sitze

mutterseelenallein hier unten. Was ist los? Wissen Sie zufällig,

wo Assad und Rose sind?«

Es war noch keine Millisekunde vergangen, da hatte die blöde

Kuh den Hörer aufgeknallt.

Er stand auf und nahm Kurs auf Roses Domizil ein Stück

weiter den Gang hinunter. Vielleicht befanden sich die verschwundenen

Akten ja dort. Als er ihr Büro betrat, traf ihn

fast der Schlag: Tatsächlich sprangen ihm die Unterlagen sofort

entgegen – allerdings nicht als Aktenstapel, sondern quasi

als Tapete. Mindestens zehn Holzfaserplatten bedeckten die

Wand zwischen Assads und Roses Büros, und diese Platten

waren zugepflastert mit allen Fällen, die bis vor vierzehn Tagen

noch auf seinem Schreibtisch gelegen hatten.

Eine Stehleiter aus gelblichem Lärchenholz zeigte an, wo

der letzte Fall angepinnt worden war. Es war der zweite Fall,

den sie hatten aufgeben müssen. Der zweite der ungelösten

Fälle in Folge.

Carl trat einen Schritt zurück, um sich einen Überblick

über diese Papierhölle zu verschaffen. Was zum Teufel hatten

seine Fälle an dieser Wand zu suchen? War bei Rose und Assad

eine Sicherung durchgeknallt? Waren sie deshalb verduftet?

Feiges Pack.

Im zweiten Stock war es genau dasselbe. Keine Menschenseele.

Sogar Frau Sorensens Platz hinter der Theke war gähnend

leer. Das Büro des Chefs, das des Stellvertreters, die

Kaffeeküche, der Konferenzraum: nichts.

Was war denn verdammt noch mal hier los? Hatte es Bombenalarm

gegeben? War die Polizeireform inzwischen so weit

gediehen, dass man das Personal auf die Straße gesetzt hatte,

um die Gebäude meistbietend zu verkaufen? War der neue

Justizminister Amok gelaufen?

Er kratzte sich am Hinterkopf, griff nach dem Hörer und

rief die Wache an.

»Carl Morck hier. Wo zum Teufel sind die Kollegen hin

verschwunden?«

»Die meisten haben sich im Gedenkhof versammelt.«

»Im Gedenkhof? Wieso denn das? Meines Wissens gedenken

wir der Internierung der dänischen Polizei am 19. September.

Das ist noch mehr als ein halbes Jahr hin. Was wollen die

denn alle da?«

»Die Polizeipräsidentin möchte einigen Dezernaten die Reformanpassungen

erläutern. Du musst schon entschuldigen,

Carl, aber wir dachten, das wüsstest du.«

»Ja, aber ich hab doch gerade mit Frau Sorensen gesprochen,

die hat keinen Ton gesagt.«

Carl schüttelte den Kopf. Das war doch total durchgeknallt.

Bis er unten im Hof war, hatte das Justizministerium den ganzen

Kram doch schon wieder geändert.

Er starrte den Sessel des Chefs der Mordkommission an.

Verlockend weich. Dort konnte man zumindest mal ohne Zuschauer

die Augen schließen.

Zehn Minuten später wachte er auf. Lars Bjorn, der stellvertretende

Leiter der Mordkommission, hatte ihm die Hand

auf die Schulter gelegt. Assads Kulleraugen lächelten nur zehn

Zentimeter vor seinem Gesicht.

Schluss mit dem Frieden, aus und vorbei.

»Komm, Assad«, sagte er und drückte sich aus dem Sessel

hoch. »Wir gehen runter in den Keller und holen ruckzuck die

Papiere von den Wänden, ja? Wo ist eigentlich Rose?«

Assad schüttelte den Kopf. »Das geht nicht, Carl.«

Carl stopfte sich das Hemd in die Hose. Verdammt, was

sagte der Mann da? Natürlich ging das. Hatte er, Carl, etwa

nicht das Sagen?

»Nun komm schon. Und bring Rose mit. Und zwar JETZT.«

»Der Keller ist ab sofort gesperrt«, belehrte ihn Lars Bjorn.

»Aus der Isolierung der Rohre rieselt Asbest. Die Gewerbeaufsicht

war da. So sieht es aus.«

Assad nickte. »Ja. Wir mussten unsere Sachen hier hochbringen.

Und wir sitzen in diesem Raum natürlich nicht besonders

gut. Aber für dich haben wir einen schicken Stuhl

aufgetrieben«, ergänzte er, als ob das ein Trost wäre. »Ach ja,

und wir sind nur zu zweit. Rose hatte keine Lust, hier oben zu

sitzen, deshalb hat sie ein verlängertes Wochenende eingelegt.

Sie kommt aber nachher noch.«

Genauso gut hätten sie ihm in seine edleren Körperteile

treten können.

 

2

Sie hatte in die Flammen gestarrt, bis die Kerzen heruntergebrannt

waren und Dunkelheit sie umgab. Er war schon

öfter einfach weggefahren, aber noch nie an ihrem Hochzeitstag.

Sie holte tief Luft und stand auf. Inzwischen hatte sie es

sich abgewöhnt, am Fenster zu stehen und zu warten und seinen

Namen auf die von ihrem Atem beschlagene Scheibe zu

schreiben.

Es hatte nicht an Warnungen gefehlt, damals, als sie sich

kennengelernt hatten. Ihre Freundin hatte vorsichtige Zweifel

geäußert, und ihre Mutter hatte es ihr unumwunden gesagt.

Er sei zu alt für sie. In seinen Augen funkele etwas Böses. Er

sei ein Mann, den man nicht einschätzen könne. Ein Mann,

auf den kein Verlass sei.

Deshalb hatte sie ihre Mutter und ihre Freundin schon lange

nicht mehr gesehen. Und deshalb wuchs in dem Maße, in dem

ihr Bedürfnis nach Kontakt größer wurde, ihre Verzweiflung.

Mit wem sollte sie reden? Es gab doch niemanden mehr.

Jetzt saß sie in einem leeren, aufgeräumten Zimmer und

presste die Lippen zusammen. Der Druck der ungeweinten

Tränen nahm zu.

Da hörte sie ihren Sohn, er bewegte sich. Sie gewann ihre

Fassung zurück, wischte sich die Nasenspitze mit dem Zeigefinger

ab und holte zweimal tief Luft.

Wenn ihr Mann sie betrog, dann sollte er auch nicht mehr

auf sie zählen können.

Das Leben hatte mit Sicherheit mehr zu bieten.

Ihr Mann kam so lautlos ins Schlafzimmer, dass ihn nur sein

Schatten an der Wand verriet. Breite Schultern und offene

Arme. Warm und nackt legte er sich neben sie und zog sie

wortlos an sich.

Sie hatte schöne Worte erwartet und eine spitzfindige Entschuldigung.

Vielleicht hatte sie den schwachen Duft einer

fremden Frau befürchtet und wegen des schlechten Gewissens

ein Zögern an den falschen Stellen. Stattdessen umarmte er

sie, drehte sie leidenschaftlich herum und zerrte ihr die Sachen

vom Leib. Sein vom Mondlicht beschienenes Gesicht erregte

sie. Die Zeit des Wartens war vorbei, und Kummer und

Zweifel waren wie weggeblasen.

Es war ein halbes Jahr her, seit er zuletzt so gewesen war.

Gott sei Dank, dass es wieder passierte.

»Schatz, ich werde eine Weile verreisen«, sagte er ohne Vorwarnung

am nächsten Morgen beim Frühstück und streichelte

dabei die Wange des Kindes. Zerstreut, als wäre das, was er da

gerade gesagt hatte, völlig bedeutungslos.

Sie runzelte die Stirn und spitzte die Lippen, um die unausweichliche

Frage noch einen Moment zurückzuhalten. Dann

legte sie die Gabel auf den Teller und blickte konzentriert auf

Rührei und Bacon. Die Nacht war lang gewesen. Sie spürte

noch ihren Unterleib, seine Zärtlichkeiten und liebevollen

Blicke hatten sie lange nachglühen lassen. Bis eben gerade.

Aber jetzt drang die bleiche Märzsonne als unwillkommener

Gast ins Zimmer und beleuchtete unmissverständlich die Tatsache:

Ihr Mann war nur auf einen Sprung zu Hause. Wieder

einmal.

»Warum kannst du mir nicht sagen, was du arbeitest? Ich

bin doch deine Frau.«

Er hatte das Besteck schon in der Hand, hielt aber sofort

inne. Schon wurden seine Augen dunkler.

»Nein, ich meine es ernst«, fuhr sie fort. »Wie viel Zeit soll

denn diesmal vergehen, bis du wieder so bist wie heute Nacht?

Sind wir schon wieder an dem Punkt, wo ich nichts von dir

weiß, wo ich keine Ahnung habe, was du tust? Wo du nicht

mehr greifbar bist für mich, selbst wenn du da bist?«

Er sah ihr direkt in die Augen. »Hast du nicht von Anfang

an gewusst, dass ich nicht über meine Arbeit sprechen kann?«

»Doch, aber …«

»Dann frag auch nicht andauernd nach.«

Er ließ das Besteck auf den Teller fallen und wandte sich mit

einem gezwungenen Lächeln ihrem Sohn zu.

Sie versuchte, tief und ruhig weiterzuatmen, aber in ihrem

Inneren rumorte die Verzweiflung. Es stimmte ja. Schon lange

vor der Hochzeit hatte er ihr klargemacht, dass er beruflich

mit Dingen befasst war, über die er nicht sprechen durfte.

Vielleicht ging es um nachrichtendienstliche Aufgaben oder

etwas in der Art, sie erinnerte sich nicht mehr genau. Aber

soweit sie wusste, führten auch Menschen, die für den Nachrichtendienst

arbeiteten, neben ihrem Job ein einigermaßen

normales Leben. Und normal war ihr Leben in keiner Hinsicht.

Oder gehörten Alternativaufgaben wie Seitensprünge

etwa zum Berufsalltag eines Geheimdienstlers? Denn um etwas

anderes konnte es sich doch wohl kaum handeln.

Sie räumte die Teller zusammen und überlegte, ob sie ihm

auf der Stelle ein Ultimatum setzen sollte. Und damit seine

Wut riskieren? Eine Wut, die sie fürchtete, aber von deren

wahrem Ausmaß sie keine Ahnung hatte.

»Wann sehe ich dich denn wieder?«, fragte sie.

Er lächelte. »Kann gut sein, dass ich nächsten Mittwoch

wieder da bin. Dieser Job dauert normalerweise acht bis zehn

Tage.«

»Ach so. Dann bist du also gerade rechtzeitig zum Bowlingturnier

zurück«, konstatierte sie spitz.

Er stand auf, zog sie mit dem Rücken an seinen Oberkörper

und faltete seine Hände unter ihrer Brust. Wenn sie seinen

Kopf auf ihrer Schulter fühlte, hatte das bei ihr bisher immer

wohliges Schaudern ausgelöst. Heute zog sie sich zurück.

»Ja«, sagte er. »Zum Turnier bin ich wieder da. Und dann

können wir das von heute Nacht gleich wiederholen. Einverstanden?«

Als er gegangen und das Geräusch seines Wagens verklungen

war, starrte sie lange mit verschränkten Armen vor sich

hin. Ein Leben in Einsamkeit war eine Sache. Aber nicht zu

wissen, wofür man diesen Preis bezahlte, war etwas ganz anderes.

Doch die Chance, einen Mann wie den ihren des Ehebruchs

zu überführen, war minimal. Das wusste sie, obwohl

sie es nie versucht hatte. Sein Revier war groß, und er war

ein vorsichtiger Mensch, alles in ihrem gemeinsamen Leben

bewies das. Pensionen, Versicherungen, Fenster und Türen,

Koffer und Gepäck, alles wurde zweifach gecheckt. Auf dem

Tisch herrschte immer Ordnung, nie lagen Zettel oder Quittungen

in Taschen oder Schubladen herum. Er war ein Mann,

der nicht viele Spuren hinterließ. Selbst sein Geruch hing

kaum mehr als wenige Sekunden in der Luft, nachdem er ein

Zimmer verlassen hatte. Wie sollte sie ihm jemals eine Affäre

nachweisen? Es sei denn, sie setzte einen Privatdetektiv auf

ihn an. Aber wovon sollte sie den bezahlen?

Sie schob die Unterlippe vor und pustete sich ganz langsam

warme Luft ins Gesicht. Das war eine Angewohnheit von ihr,

das hatte sie schon immer gemacht, wenn sie angespannt war

oder eine wichtige Entscheidung treffen musste. Damals, beim

Kauf ihres Konfirmationskleides, vor den höchsten Hindernissen

beim Springreiten und bevor sie ihrem Mann das Jawort

gegeben hatte. Manchmal sogar, wenn sie einfach nur auf die

Straße ging, um zu sehen, ob sich das Leben in dem milden

Licht dort draußen anders anfühlte.

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