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Gegenwinde
(Leseprobe aus:
Gegenwinde Roman, Kapitel I, 2011, Klett-Cotta
- Übertragung Andrea Springler).
I
NACHSAISON
Das Klassen zimmer leerte sich allmählich, die Kinder ließen ihre Ausmalbilder liegen, standen von ihren Stühlchen auf und stürzten sich in die Arme ihrer Eltern, wohlwollend beobachtet von der Lehrerin, einer schüchternen, zarten jungen Frau, der ich fast drei Monate lang nichts vorzuwerfen gehabt hatte. Manon hatte ihr zum Abschied einen Kuss auf die Lippen gedrückt, und sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt, mit glänzenden Augen hatte sie uns alles Gute gewünscht: Sie beneidete darum, dass wir an die Küste zögen. Ich fand Manon am anderen Ende des Raums, wo sie zwischen Kaufladenauslagen mit Plastikgemüse Hannah umschlang, die beiden klammerten sich aneinander, hatten Angst vor der Trennung. Hannah war ein blässliches Mädchen, und ich wusste von ihr nicht einmal, ob sie sprechen konnte. Sie war zwei- oder dreimal bei uns gewesen, die beiden hatten den ganzen Nachmittag gespielt, versteckt unter der Tamariske, deren Zweige sich so tief herabbogen, dass sie eine Hütte bildeten, ich bekam sie nur zu Gesicht, wenn ich ihnen ein Glas Milch ein Stück Brot einen Riegel Schokolade brachte, und damit saßen sie dann an dem verrosteten Eisentisch, von dem die weiße Farbe abblätterte. Manchmal hatte die kleine Hannah zum Hochhaus B von Les Bosquets hinaufgeblickt, dort wohnte sie, und diese umgekehrte Perspektive muss ihr sonderbar vorgekommen sein, von ihrem Zimmer aus konnte sie uns im Garten sehen, aber das war so selten geworden, die Sommernächte, die Musik die Girlande im alten Kirschbaum der Rauch des Holzkohlegrills, das Bier und die Nachbarn, die aufkreuzten, das lag so weit zurück, in letzter Zeit machte ich mir nicht einmal mehr die Mühe, die Fensterläden zu öffnen, und alles verwahrloste.
Wir verließen die Schule, es war noch nicht fünf, und schon wurde der Himmel im Osten dunkel. Auf der anderen Seite der Bahngleise kletterte die Straße dem von Mietskasernen versperrten Horizont entgegen. Das Haus mit dem rissigen Verputz bildete ihr Ende und schien zufällig da hingestellt worden zu sein, danach kamen nur noch eintönige Blocks, die sich bis zur Autobahn endlos aneinanderreihten.
Manon ging langsam, widerwillig, ihr war bange vor dem, was folgen sollte. Ein Umzugslaster mit weit geöffneten Türen bestätigte ihre Befürchtungen. Die meisten unserer Möbel stapelten sich darin, von den Kartons nur knapp verborgen. Der Kleinen entfuhr ein Schrei. Ich nahm sie an der Hand und führte sie ins Haus. Alles war leer und abgewohnt, von unserem Leben waren nur wenige Spuren geblieben. An den vergilbten Wänden hatten die Bilderrahmen ihren Abdruck hinterlassen, weiße Rechtecke in verschiedenen Größen, von den Jahren, vom Tabak, vom Staub braun gewordene Umrisse. Vor fünf Jahren waren wir hier eingezogen, Clément war durch die frisch gestrichenen Zimmer gerannt. Sarah, mit dickem Bauch unter ihrem apfelgrünen Kleid, ein Heft in der Hand, hatte Maß genommen, die künftige Einrichtung geplant. Ich hatte ihr Haar hochgehoben und an ihrem Nacken geknabbert. Manon ging bis in die Mitte des Wohnzimmers, Boden Decke vier Wände und sonst nichts.
Ich legte ihr die Hand auf die Schulter.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home 1011 LYRIKwelt © Klett-Cotta