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Keine Sorge, mir geht’s gut
(Leseprobe aus: Keine Sorgemir gehts gut,
Roman, 2007, SchirmerGraf
- Übertragung Carina
von Enzenberg)
Als Lili Shopi verläßt, kommt ein Typ auf sie zu.Sie wollen also wirklich kein Glas mit mir trinken? Sie hatten seit heute morgen Zeit, es sich zu überlegen. Wissen Sie, ich tue das sonst nie. Na ja, wahrscheinlich erzählt Ihnen das jeder. Aber Sie gefallen mir wirklich. Ich möchte Sie kennenlernen, mich mit Ihnen unterhalten. Lili sagt, daß sie müde ist und nach Hause möchte. Schade, sagt er mit resigniertem Lächeln. Lili findet, daß er ehrlich aussieht. Sie läßt ihn stehen. Sie geht schnell. Dabei hat er ihr gut gefallen, der Typ, aber man kann nie wissen. Sie weiß nie, wie sie sich verhalten soll. Immer ist sie entweder zu mißtrauisch oder nicht genügend. Wenn Loïc da wäre, wäre alles einfacher.
Vier Stockwerke. Es herrscht immer noch Chaos. Lili schlüpft in einen alten bonbonrosa Jogginganzug. Sie legt Manu Chao auf, das erinnert sie an Loïc, an die Abende, die Nächte, an denen sie zu zwanzigst bei einem Freund geschlafen haben, wenn die Eltern nicht da waren. Sie wischt mit einem Schwamm über die Herdplatten, spült ab. Vier weiße Teller, zwei zerkratzte Pfannen, jede Menge Besteck, Senfgläser mit den Simpsons, Asterix oder Zinedine Zidane darauf. Sie macht sich einen Kräutertee, Pfefferminz-Lakritze, Geschmacksrichtung »Abend voller Hoffnung«. Zum Staubsaugen ist es zu spät, also räumt sie nur ein bißchen auf, läßt eine Waschmaschine im Schnellwaschgang laufen. Sie muß gähnen. Das Telefon klingelt. Es ist Irène, ihre Mutter. Ja, gut. Und dir. Ja, ich komme morgen abend vorbei. Okay. Gruß an Papa … Irène legt auf. Sie geht zurück ins Wohnzimmer. Deine Tochter kommt morgen. Ah, sagt Paul. Irène findet die Musik zu laut. Paul mosert ein wenig, stellt sie aber schließlich leiser. Er sagt zu Irène, daß er sich freut.
»Ich mich auch, sie fehlt mir.«
»Ich weiß …«
...
Lili schlendert die Rue des Martyrs entlang. Das Auto, das sie für eine Woche gemietet hat, ist ab etwa achtzehn Uhr verfügbar. Die Hähnchen drehen sich am Spieß, und ihr Duft mischt sich mit dem ziemlich strengen Geruch, der aus dem Käseladen strömt. Die Gemüsehändler lauern auf Kundschaft, aber die macht sich rar. An der Ecke Avenue Trudaine, an dem baumbestandenen kleinen Platz, drückt Lili die Haustür auf, geht in den vierten Stock hinauf und betritt ihre Wohnung. Alles ist aufgeräumt, die Reisetasche thront mitten auf dem Teppich. Lili nimmt ihre Sonnenbrille, trinkt einen großen Schluck Cola,greift sich die Tasche und ist schon wieder draußen.
Unten sagt sie sich, daß sie zuerst in die Buchhandlung hätte gehen sollen, jetzt muß sie die Tasche mitschleppen. Egal, sie geht trotzdem hin. Lesestoff für den Urlaub aussuchen. Sie stößt die Tür von L’Atelier auf. Die Buchhändlerin erkennt sie, grüßt. Lili betrachtet die Stapel. Sie steuert auf den Tisch mit französischen Romanen zu. Wie immer weiß sie nicht recht, was sie nehmen soll. Früher kaufte immer Loïc die Bücher. Er las sie. Wenn sie ihm gefielen, gab er sie Lili zu lesen. Lili merkt sich nie die Namen der Autoren, bringt die Verlage durcheinander. Die Buchhändlerin kommt ihr zu Hilfe. In diesem Punkt hat sie Loïc ersetzt. Sie ist nicht so geschmackssicher wie er, aber ohne sie würde Lili wieder gehen, ohne etwas zu kaufen, wie sie es in anderen Buchhandlungen macht, wo sie sich nicht traut, die Verkäufer anzusprechen. Lili sagt nicht, daß es für den Urlaub ist, weil die Leute immer denken, daß man im Urlaub nur romantische Schmöker, Kitschromane oder ägyptische Sagas lesen will. Sie fragt nach drei guten Büchern. Sie schiebt die Tüte zwischen den Daunenschlafsack und ihre Kleider in die Reisetasche.
Dann biegt sie in die Avenue Trudaine ein, in Richtung Gare du Nord, bis zur Rue de Maubeuge. Im Büro der Autovermietung hängt ein Protestplakat gegen die gesetzlichen Bestimmungen, mit denen die Zulassung im 51. Département verboten werden soll. Der Typ, der sie die Papiere ausfüllen läßt, reißt einen dämlichen Witz nach dem anderen. Lili ringt sich ein Lächeln ab, damit er nicht einschnappt. Er starrt sie penetrant an, fragt, wo sie hin will, einfach so. Sie weiß es nicht. Er findet es sehr romantisch, ins Blaue zu fahren. Dann führt er ihr den bordeauxfarbenen Clio vor. Es ist ein Modell aus einer limitierten Serie: Clio Chipie. Lili gefällt der Name für ein Auto: Clio Chipie. Sie fragt, ob es ein Autoradio hat. Der Typ drückt auf einen Knopf, und die Stimme eines schwachsinnigen Radiomoderators dröhnt bis auf den Gehsteig. Lili setzt sich hinters Steuer. Die CDs hat sie jetzt umsonst eingepackt. Kassetten hat sie jedenfalls keine dabei. Sie wird nachher welche aus Loïcs Zimmer mitnehmen.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © SchirmerGraf