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Mord auf ffolkes
Manor
(Leseprobe aus: Mord auf ffolkes Manor, Roman, Erstes Kapitel, Seite 9-20, 2006,
Beck - Übertragung Jochen
Schimmang)
«So was kann man sich eigentlich
nur in Büchern vorstellen!»
Mit zitternder Hand zündete der Colonel seine Zigarre an und fügte dann hinzu:
«Verd… noch mal, Evadne, es könnte eines von deinen sein!»
«Ah, ja!» schnaubte die angesprochene Lady und rückte den Kneifer auf ihrer
Nasenwurzel zurecht. «Das beweist nur, was ich mir schon lange gedacht habe.»
«Was soll das heißen?»
«Daß du geschwindelt hast, als du mir erzähltest, wie sehr du meine Sachen
magst.»
«Geschwindelt? Also, von allen …»
«Wenn du meine Romane wirklich lesen und nicht nur so tun würdest, Roger
ffolkes, würdest du wissen, daß ich nie etwas mit verschlossenen Räumen
mache. Das überlasse ich John Dickson Carr.»
Der Colonel überlegte offenkundig, wie er sich am besten aus der Klemme
befreien konnte, in die er sich hineingeredet hatte, als seine Tochter Selina,
die bis zu diesem Augenblick, das Gesicht in den Händen vergraben, neben ihrer
Mutter auf dem Sofa gesessen hatte, die beiden plötzlich aufschrecken ließ und
schrie: «Um Gottes willen, ihr zwei, jetzt hört doch auf! Ihr seid einfach
widerlich, wenn ihr euch benehmt, als ob wir hier ein Mörderspiel machen! Ray
liegt da tot» – sie machte eine theatralische Geste irgendwie in Richtung
Dachgeschoß –, «mitten ins Herz geschossen! Habt ihr denn überhaupt kein
Gefühl?»
Diese letzten Worte waren vernehmlich in Großbuchstaben gesprochen: HABT IHR
DENN ÜBERHAUPT KEIN GEFÜHL? Es stimmte zwar, daß Selina möglicherweise der
falschen Berufung gefolgt war, als sie sich für das Studium der Kunst statt für
die Bühne entschieden hatte, aber in dieser Situation konnte niemand an ihrer
Aufrichtigkeit zweifeln. Sie hatte eben erst aufgehört zu schluchzen, eine gute
halbe Stunde nachdem die Leiche gefunden worden war. Und obwohl er und seine
Frau alles getan hatten, was sie konnten, um sie zu trösten, hatte der Colonel
in der Erregung und Verwirrung, die dieser Fund ausgelöst hatte, schon
vergessen, wie stark die Gefühle waren, die seine Tochter für das Opfer hegte.
Seine gesunden, rötlichen Gesichtszüge nahmen jetzt einen ziemlich schuldbewußten
Ausdruck an.
«Sorry, mein Herz, sorry. Ich war reichlich gedankenlos. Es ist nur – also,
dieser Mord ist so merkwürdig, da komme ich nicht so schnell drüber weg!» Er
legte seinen Arm um ihre Schulter. «Verzeih mir, bitte verzeih mir.»
Dann, bezeichnend für ihn, schweiften seine Gedanken wieder ab.
«Hab’ noch nie im wirklichen Leben von einem Mord im verschlossenen Raum gehört»,
murmelte er mehr zu sich selbst. «Das sollte man eigentlich der Times schreiben.»
«Also wirklich, Vater!»
Während die Frau des Colonels ihrer Tochter weiterhin ohne große Wirkung das
Knie tätschelte, schwebte Donald, der junge Amerikaner, den Selina an der
Kunstschule kennengelernt hatte, beflissen über ihr. Aber er war einfach zu schüchtern,
um zu tun, wonach er sich ganz gewiß sehnte: sie zärtlich in seine Arme zu
nehmen. (Es handelte sich übrigens um Donald Duckworth, ein recht unglücklicher
Name, was seine Eltern aber noch nicht wissen konnten, als sie ihn 1915
tauften.)
In Wahrheit war der Colonel keineswegs der einzige herzlose Übeltäter. Obwohl
man gerechterweise sagen mußte, daß in diesem Moment jeder Mitgefühl mit
Selina hatte, einige ausdrücklich und andere im stillen, kam man nicht um die
Tatsache herum, daß von der ganzen Gesellschaft im Haus nur sie allein den
Toten wirklich betrauerte. Selbst wenn ihre Aufmerksamkeit nicht von den
erstaunlichen Begleitumständen des Verbrechens in Anspruch genommen worden wäre,
hatten alle anderen ohne Ausnahme ihre ganz persönlichen Gründe, nicht zuviel
Zeit auf konventionelle Bekundungen des Bedauerns über Raymond Gentrys Abschied
von dieser Welt zu verschwenden. Kurz gesagt, niemand war bereit, Krokodilstränen
zu vergießen, und nur Selina ffolkes vergoß echte.
Wenn deshalb ein Fremder am Morgen dieses zweiten Weihnachtstages in den holzgetäfelten
Salon von ffolkes Manor gekommen wäre – in diese unauslöschlich männliche
Aura, so durchdringend wie das Aroma der Zigarren des Colonels und etwas
feminisiert nur durch eine Anzahl zierlicher Porzellanfiguren von Royal Doulton
und die Petit-Point-Stickerei auf den Sesseln –, hätte er sicher die
eindringliche Atmosphäre des Schreckens und der Angst gespürt. Aber er wäre
auch irritiert gewesen durch das eigentliche Ausbleiben persönlicher Trauer.
Die Standuhr hatte eben Viertel nach sieben geschlagen.
Die Diener, dicht aneinandergedrängt, waren schon in ihrer Uniform, während
die Gäste noch ihre Nachtgewänder trugen – das heißt mit Ausnahme von Cora
Rutherford, der Bühnen- und Filmschauspielerin, eine von Mary ffolkes’ ältesten
Freundinnen. Sie trug ein auffälliges purpurgoldenes Kleid, das sie «Kimono»
nannte und von dem sie behauptete, das gebe es «exklusiv» nur in Paris. Sie
war es, die als nächste das Wort ergriff.
«Warum tut nicht einer von euch Männern irgend etwas?»
Der Colonel sah jäh auf.
«Beherrsch dich, Cora», warnte er sie. «Das ist jetzt nicht die Zeit, um die
Nerven zu verlieren.»
«Herrgott noch mal, Roger, du Dummkopf», antwortete sie in ihrem üblichen Ton
herzlicher Verachtung. «Meine Nerven sind aus dickerem Stahl als deine.»
Als ob sie das demonstrieren wollte, holte sie ein schmales Zigarettenetui aus
genarbtem Leder aus einer der Taschen ihres Kimonos, zog eine Zigarette heraus,
steckte sie in eine schwarze Elfenbeinspitze, zündete sie an und sog tief den
Rauch ein: das alles mit Fingern, die so ruhig waren, wie die des Colonels
zittrig gewesen waren.
«Ich habe bloß gemeint», fuhr sie gelassen fort, «daß wir nicht einfach
ruhig sitzen bleiben können mit einer Leiche da oben über unseren Köpfen. Wir
müssen uns etwas überlegen.»
«Gut, aber was?» fragte der Colonel. «Farrar hat versucht anzurufen – wie
oft, Farrar?»
«Etwa ein halbes Dutzend Mal, Sir.»
«Richtig. Die Leitungen sind zusammengebrochen und werden das vermutlich noch
eine ganze Weile bleiben. Und wie du selbst bestens hören kannst, tobt der
Schneesturm, der sie niedergemacht hat, da draußen noch immer. Wir müssen den
Tatsachen ins Auge sehen. Wir sind eingeschneit. Völlig abgeschnitten –
wenigstens, bis der Sturm ein Ende gefunden hat. Die nächste Polizeistation ist
mehr als dreißig Meilen weg von hier, und die einzige Straße, die dorthin führt,
dürfte unpassierbar sein.»
Mit einem verstohlenen Seitenblick auf Selina schloß er: «Und schließlich ist
es nicht so, daß – also, ich meine, unser weihnachtliches Beisammensein ist
ohnehin ruiniert und so weiter, und das ist alles unerfreulich, für jeden von
uns, aber es ist nicht so, als ob der Leichnam – als ob er einfach weggehen könnte.
Ich fürchte, wir müssen das aussitzen, so lange, wie es dauern wird.»
Das war der Augenblick, in dem sich aus dem Armsessel am Kamin, in dem sie sich
eingerichtet hatte, behaglich und gestaltlos in ihrem wollenen Morgenmantel,
Evadne Mount meldete, die Romanautorin, die wir schon kennengelernt haben, und
zum Colonel mit einer gewissen Dringlichkeit in ihrer wenig weiblichen Stimme
sagte: «Weißt du, Roger, ich frage mich, ob wir uns das leisten können.»
«Was?»
«Es einfach auszusitzen, wie du es genannt hast.»
Der Colonel warf ihr einen spöttischen Blick zu.
«Und warum nicht?»
«Nun, wir wollen mal überlegen, was hier passiert ist. Vor einer halben Stunde
hat man Raymond Gentrys Körper tot in der Dachkammer gefunden. Du mußtest die
Tür aufbrechen, Roger, um zu ihm zu gelangen, eine Tür, die von innen
verschlossen war mit einem Schlüssel, der immer noch im Schloß steckte. Und
als ob das nicht genug wäre, war das einzige Fenster da oben verriegelt. Also
kann beim besten Willen niemand in die Dachkammer eingedrungen sein – aber
irgend jemand hat es getan –, und einmal drin, kann niemand wieder
hinausgelangt sein – aber es gibt keinen Zweifel, daß jemand es geschafft
hat, genau das zu tun.
Nun beschäftige ich mich, wie ich dir schon gesagt habe, Roger, nicht mit
Morden in verschlossenen Räumen. Ich habe neun Romane und drei Theaterstücke
geschrieben – mein letztes, Die falsche Stimme, läuft in diesem Moment
im West End mit Riesenerfolg im vierten Jahr – Agatha Christie soll das bitte
erst mal nachmachen! –, und in nicht einem davon geht es um einen Mord in
einem abgeschlossenen Raum. Also kann ich nicht so tun, als hätte ich den
leisesten Schimmer, wie dieser Mord ausgeführt wurde.»
«Aber», fuhr sie nach einer Pause von ein, zwei Sekunden fort, sichtlich
beherrscht, damit ihre nächste Feststellung die größtmögliche Wirkung auf
die Zuhörer hatte, «ich weiß, wer es getan hat.»
Tatsächlich war die Wirkung durchschlagend. Im Raum wurde es totenstill. Einige
Sekunden vergingen, in denen die Zeit stillzustehen schien und nichts geschah.
Die Diener hörten mit ihrem nervösen Schlurfen und Scharren auf. Cora
Rutherford hörte auf, die makellos manikürten Finger auf dem durchsichtigen
Rand ihres gläsernen Aschenbechers eine Pirouette tanzen zu lassen. Selbst die
Standuhr hörte auf zu ticken – oder tickte gleichsam auf Zehenspitzen.
Die Stille wurde schließlich ganz trivial von dem plötzlich ausbrechenden
schniefenden Geheul des tolpatschigen Aushilfsdienstmädchens Adelaide beendet,
von den anderen Dienstmädchen Drüsen-Addie genannt, die schon in Tränen
ausbrach, wenn ein Hut zu Boden fi el – oder wenigstens eine Porzellantasse.
Aber Mrs. Varley, die Köchin, machte dem mit einem deutlichen «Pssst!» ein
Ende, und jeder wandte sich Evadne Mount zu.
Es war der Colonel, der die schicksalhafte Frage stellte.
«Ach so, du weißt es also. Dann erzähl es uns. Wer hat es getan?»
«Einer von uns.»
Merkwürdigerweise gab es keinerlei indignierte Äußerung des Protestes, von
der sie geglaubt haben mochte, daß sie auf eine so dramatische Behauptung
folgen würde. Im Gegenteil, es sah so aus, als ob die Logik dieser Feststellung
alle als unwiderlegbar überzeugt hätte, auf der Stelle und jeden zur gleichen
Zeit.
«Ich weiß, daß dieses Haus direkt am Rand von Dartmoor liegt», fuhr sie
fort, «und vermutlich habt ihr alle bereits über entlaufene Sträflinge
phantasiert. Und es stimmt in der Tat, daß wir, wo die Telefonleitungen
zusammengebrochen sind, nicht wissen können, ob nicht tatsächlich ein
Ausbrecher durch die Gegend streift. Aber was mich anbelangt, so kommt das nicht
in Frage. Wie die Weiße Königin bin ich imstande, vor dem Frühstück an sechs
unmögliche Dinge zu glauben – oder besser, nach dem Frühstück»,
korrigierte sie sich, «denn ich bin überhaupt nicht da, bevor ich nicht meinen
Kaffee getrunken habe. Und als eifrige Leserin der Krimis meines lieben Freundes
John Dickson Carr bin ich auch imstande zu glauben, daß sich jemand in diesem
verschlossenen Zimmer zuerst materialisiert und später dematerialisiert und
dazwischen Raymond Gentry getötet hat, und das alles ohne übernatürliches
Einwirken. Meine Güte, ich muß es glauben, denn es ist schließlich passiert!
Aber keiner wird mir je einreden können, daß ein Häftling aus seiner Zelle in
Dartmoor entwichen ist, raus aus dem ausbruchssichersten Gefängnis im ganzen
Land, dann im heulenden Schneesturm quer durch die Moore geflüchtet ist, in
dieses Haus eingedrungen, ohne daß einer von uns ihn gehört hätte, den armen
Gentry in die Dachkammer gelockt und ihm da ein Ende bereitet hat, dann wieder
raus ist, ohne die Tür oder das Fenster zu beschädigen, und sich in den Sturm
davongeschlichen hat! Nein, da ist für mich Schluß – im Leben und im
Roman. Wie man’s auch immer betrachtet, dieser Mord war das, was die Polizei
einen inside job nennt.»
Wieder herrschte Schweigen, wieder setzten sich ihre Worte bei jedem heimtückisch
fest. Sogar Selina nahm die Hände von ihrem verweinten Gesicht, um zu schauen,
wie jeder einzelne darauf reagiert hatte. Und wieder war es der Colonel, der als
erster sprach, breitbeinig vor dem großen, lodernden Kamin stehend und in einer
Haltung, die bedrohlich an Charles Laughton in seiner Rolle als Heinrich VIII.
erinnerte.
«Also, Evadne, ich muß sagen, das ist nun ein ganz heißes Eisen, das du eben
angefaßt hast.»
«Ich mußte geradeheraus sein», sagte sie in einem Ton, der nicht nach
Entschuldigung klang. «Du selbst hast uns vorhin ermahnt, den Tatsachen ins
Auge zu sehen.»
«Was du gerade ausgebreitet hast, war eine Theorie, keine Tatsache.»
«Kann sein. Aber wenn hier sonst jemand» – ihre Blicke schweiften einmal
durch den Salon –, «wenn sonst jemand einen einleuchtenderen Schluß aus dem
ziehen kann, was wir wissen, will ich das gern hören.»
Mary ffolkes, die bis dahin kein Wort gesagt hatte, wandte sich plötzlich ihr
zu und rief: «Oh, Evie, du mußt dich irren, das mußt du einfach! Wenn es wahr
wäre, dann wäre das – das wäre einfach zu grauenhaft, um darüber
nachzudenken!»
«Tut mir leid, altes Mädchen, aber gerade weil es so grauenhaft ist, müssen
wir darüber nachdenken. Darum habe ich gesagt, wir können es uns nicht
leisten, hier herumzulungern, bis der Sturm aufhört. Allein die Idee, daß wir
alle hier sitzen und uns fragen, wer von uns … mein Gott, ich muß nicht
weiterreden, oder? Ich weiß sehr wohl, was solche gegenseitigen Verdächtigungen
anrichten können.
Es war das Thema meines ersten Romans, Das Geheimnis des grünen Pinguins,
wenn ihr euch erinnert, in der eine Frau so besessen ist von dem Gedanken, daß
ihre Nachbarin langsam ihren verkrüppelten Mann vergiftet, daß ihr eigener
Mann, zum Wahnsinn getrieben von ihrem zwanghaften Spionieren und Schnüffeln
und Spürhundspielen, schließlich Amok läuft und ihr den Schädel mit einem
antiken Messingdings aus Benares spaltet. Und natürlich stellt sich am Ende
heraus, daß die Nachbarin völlig unschuldig ist.
Also, ich will nicht behaupten, daß so etwas auch hier passieren wird. Aber es
muß etwas getan werden. Und zwar schnell.»
Vom äußersten Ende des Salons, wo er steif unter seinen anderen Kollegen aus
der Dienerschaft gestanden hatte, trat nun Chitty, der Butler des Colonels –
ein Mann, der es selbst zu so unchristlicher Stunde verstand, die Butlerwürde
aufrechtzuerhalten –, einen Schritt nach vorn, preßte die Faust an die Lippen
und ließ ein verlegenes Hüsteln hören. Es war die Art Geräusch, die Stückeschreiber
in ihren Regieanweisungen als «ahem» anzugeben pflegen, und in der Tat konnte
man die beiden Silben «a» und «hem» in Chittys Hüsteln hören.
«Ja, Chitty», sagte der Colonel, «was gibt’s?»
«Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Sir», sagte Chitty umständlich, «mir
fi el ein, daß – also …»
«Nun los, sprechen Sie doch weiter, Mann!»
«Nun, Sir. Chefinspektor Trubshawe, Sir.»
Die Miene des Colonels hellte sich sofort auf.
«Natürlich, ich glaube, da ist was dran! Trubshawe, natürlich!»
«Trubshawe? Den Namen kenne ich», sagte Doktor Rolfe, der praktische Arzt des
Ortes. «Ist das nicht der pensionierte Scotland-Yard-Mann? Vor zwei oder drei
Monaten hierhergezogen?»
«Genau der. Witwer. Ein bißchen einsiedlerisch. Ich habe ihn zu der Party
eingeladen – als guter Nachbar, versteht sich. Er sagte, er ziehe es vor,
Weihnachten allein zu verbringen. Aber wenn man erst mal mit ihm spricht, ist er
ein ganz umgänglicher Bursche – und er war wer ganz oben im Yard.
Guter Gedanke, Chitty.»
«Danke, Sir», murmelte Chitty mit sichtbarer Befriedigung, bevor er geräuschlos
wieder seinen Platz einnahm.
«Das Problem ist», fuhr der Colonel fort, «daß Trubshawes Cottage sechs oder
sieben Meilen die Postbridge Road hinunter liegt. Beim Bahnübergang. Selbst bei
diesem Sturm sollte es aber für irgendwen machbar sein, dahin zu kommen und ihn
hierherzubringen.»
«Colonel?»
«Ja, Farrar?»
«Wäre das nicht eine Belästigung? Zu dieser Stunde. Und dann noch zu
Weihnachten. Schließlich ist er wirklich im Ruhestand.»
«Ein Polizist ist niemals wirklich im Ruhestand, nicht einmal nachts»,
widersprach der Colonel. «Wenn mich nicht alles täuscht, käme ihm ein bißchen
Aufregung gerade recht. Er muß sich ja zu Tode langweilen, wenn er den ganzen
Tag keinen zum Reden hat außer einem blinden alten Labrador.»
Er riß sich aus seiner bisherigen Unbeweglichkeit los und wandte sich jedem der
Männer zu, die im Salon standen, saßen oder sich lümmelten.
«Irgendwer bereit, sich auf den Weg zu machen?»
«Ich werde fahren», sagte der Doktor, bevor auch nur irgend jemand sonst etwas
sagen konnte. «Mein alter Klapperkasten verträgt noch das mieseste Wetter. Um
ehrlich zu sein, er ist dran gewöhnt.»
«Lassen Sie mich mitkommen», sprang ihm Don sofort zur Seite.
«Danke. Ich denke, ich brauche einen kräftigen Beistand, wenn er bockt.»
«Wenn Sie Muskeln brauchen, Doktor», sagte Don und warf – als er halb
scherzhaft seinen Bizeps aufpumpte – einen hoffnungsvollen Blick zu Selina hinüber,
«dann bin ich Ihr Mann!»
«Gut, gut. Also, wenn wir fahren wollen, dann jetzt gleich.»
Dann beugte sich Henry Rolfe über den Armsessel, in dem seine Frau Madge saß,
ihre unbestrumpften Beine wie bei einer Katze unter sich verschlungen, und küßte
sie geziert auf die Stirn.
«Bitte, Liebling», sagte er, «ich möchte nicht, daß du dir Sorgen um mich
machst. Mir passiert nichts.»
Madge Rolfe, die immer so aussah, als sei die größte Sorge ihres Lebens die,
wie lange sie warten mußte, bis irgendein schmachtender Salonlöwe ihr Feuer für
die nächste Zigarette gab, trug das alles mit bezaubernder Fassung und schenkte
ihm für seinen Kuß nicht mehr als ein blasses Lächeln.
Als er, gefolgt von Don, aus dem Raum stiefelte, wünschte jeder den beiden viel
Glück. Dann klatschte der Colonel auf orientalische Art in die Hände, bot so
viel grimmige Munterkeit auf, wie es ihm unter den gegebenen Umständen noch zulässig
schien, und fragte: «Hat irgendwer außer mir noch Lust auf ein kleines Frühstück?»
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