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Defekt
(Leseprobe aus: Defekt, Roman, 2002, Nagel
& Kimche)
Er machte plötzlich Licht.
‹Vielleicht ist das doch etwas gemütlicher.› Er stand vor mir. Er hatte
eine Pistole auf mich gerichtet, an deren Lauf ein Schalldämpfer befestigt war.
Ich blieb merkwürdig ruhig. Mein Puls erhöhte sich zwar, ich hörte mein Herz
schlagen, aber ich konnte immer noch reden. Ich war einiges gewohnt von meinen
Patienten und konnte meine Professionalität immer noch aufrechterhalten. Ich
sagte: ‹Bitte, legen Sie die Pistole weg, wir brauchen sie nicht.›
‹Wir nicht, aber ich›, sagte er.
‹Sie brauchen sie auch nicht.› Mein Gehirn arbeitete absolut störungsfrei,
ich war selbst überrascht und dachte: ‹Nur nicht kränken.› Ich sagte:
‹Sie sind ein hochintelligenter Mann, Sie brauchen keine Pistole. Wenn Sie
etwas erreichen wollen, dann verfügen Sie auch über andere Mittel.›
‹Ich glaube, ich weiß selber am besten, was ich brauche. Sie insistierten ja
in den Sitzungen immer so auf meiner Selbständigkeit, nicht wahr? Jetzt reden
Sie nicht mehr. Jetzt machen Sie einfach genau, was ich Ihnen sage. Sie gehen
jetzt in gehörigem Abstand vor mir in den Behandlungsraum hinüber. Dort legen
Sie sich auf die Couch. Nur keine falsche Eile! Liegen Sie bequem? Es ist
wichtig, dass Sie sich wohl fühlen. Jetzt sitze ich hinter Ihnen und Sie liegen
vor mir. Ist doch korrekt, wir sind in einem demokratischen Land. Recht und
Gerechtigkeit.›
‹Nur nicht kränken›, dachte ich immer wieder. Das Problem war nur, das weißt
du ja, dass in einem solchen Moment alles als kränkend erlebt wird, was nicht
genau seinen Vorstellungen entspricht, was im Weiteren geschehen sollte. Ich
musste mitspielen, mich funktionalisieren lassen und ihn trotzdem aus der
Sackgasse hinausmanövrieren. Aber es war schwer, ihm etwas vorzumachen, er war
hochsensibel und wirklich sehr intelligent. Er wusste auch, wie man als
Psychoanalytiker in solchen Situationen reagiert, er hatte einiges darüber
gelesen.
Tatsächlich sagte er plötzlich: ‹Ein Stück weit eingehen auf die
narzisstische oder sogar wahnhafte Vorstellungswelt des Patienten und
gleichzeitig versuchen, die Realitätskontrolle vorsichtig aufrechtzuerhalten.
Mir machen Sie nichts vor, mein liebes Dujardinchen. Spielen Sie doch nicht den
Gelassenen, den Überlegenen, ich weiß, Sie machen sich vor Angst fast in die
Hosen. Sie wissen nicht, was ich vorhabe, und das ist schlimm. Ihre eigenen
Phantasien gehen mit Ihnen durch, Sie sind Ihnen ausgeliefert, das ist die wahre
Ohnmacht, das kommt dem nahe, was ich bei Ihnen in den Stunden empfand. Aber
vielleicht nehmen Sie mich immer noch nicht ernst. Dafür eben habe ich diese
Pistole hier, die ist übrigens noch von meinem Vater. Er hat sie nach dem Krieg
in Tübingen einem ehemaligen Wehrmachtsoffizier abgekauft. Es würde also nicht
das erste Mal daraus geschossen, wie Sie sich vorstellen können. Die Waffe
wurde perfekt gepflegt. Was ein Schalldämpfer ist, werden Sie wohl wissen. Man
hört nur ein leises ‹Plop›. Niemand im Haus wird gestört. Das bliebe
gewissermaßen alles unter uns.›
Ich hatte mich noch immer unter Kontrolle, dachte, er wolle mir nur drohen, er würde
nicht bis zum Äußersten gehen. Aber was verlor er, wenn er mich umbrachte? Er
lebte allein im Haus seiner Mutter. Sein Vater war schon lange tot. Als er
starb, war der Junge kaum auf der Welt. Jedenfalls hatte er das behauptet. Die
Mutter war vor einigen Jahren an Alzheimer erkrankt und lebte seit einigen
Monaten in einem Heim. Er hatte sie lange zu Hause gepflegt. Sie war erst
zweiundfünfzig Jahre alt. Er hasste sie, wie er sagte, war ihr aber
gleichzeitig auch hörig. Eine Freundin hatte er nicht, aber er war im Begriff,
akademische Karriere zu machen. Das würde ihn vermutlich von einem unüberlegten
Schritt zurückhalten. Er arbeitete an der Informatikabteilung der ETH an einem
Forschungsprojekt, früher oder später würde er an einen Lehrstuhl berufen.
Aber vielleicht war er plötzlich völlig durchgedreht.
‹Wenn ich liegen bleibe, bin ich verloren›, dachte ich, ‹ich muss ihm in
die Augen sehen. Ich muss seine Gestik und Mimik beobachten können.› Ich
setzte mich also auf. ‹Ich darf mich nicht einschüchtern lassen, ruhig
bleiben, ja nicht provozieren lassen und doch eine gewisse Unabhängigkeit von
ihm zeigen.› Mein Herz schlug jetzt aber so laut, dass ich meinte, auch er müsse
es hören. Trotzdem sagte ich zu ihm: ‹Bitte, Herr Berger, das führt doch zu
nichts. Reden wir doch vernünftig miteinander.› Ich wollte die Initiative übernehmen.
‹Doch›, sagte er ungerührt, ‹das führt zu etwas, da können Sie sicher
sein, das führt zu etwas. Sie werden noch staunen. Ich will Gefühle von Ihnen
sehen.›
‹Erzwungene Gefühle?›
‹Angst lässt sich leicht erzwingen. Ich will Sie erniedrigen, Herr Dujardin,
ich will Sie auf den Knien sehen, ich will, dass Sie mich um Gnade bitten.›
Der meinte das ernst. ‹Was bringt Ihnen das?›, fragte ich nun doch ziemlich
ängstlich.
‹Hinlegen!›, brüllte er plötzlich. Ich wollte mich ihm aber nicht
ausliefern, wollte mich nicht auf den Rücken legen. Ich musste es darauf
ankommen lassen, sonst hatte ich endgültig verloren.
‹Hinlegen›, wiederholte er scharf. Als ich zögerte, sagte er: ‹Ich zähle
bis drei, dann werde ich Ihren Köter dort erschießen. Die jämmerliche Kreatur
gehört ohnehin schon lange erlöst.›
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