Hauptstädte der Erinnerung von André Aciman, 2004, Hanser

André Aciman

Hauptstädte der Erinnerung
(Leseprobe aus: Hauptstädte der Erinnerung. Von Alexandria nach New York, 2004, Hanser - Übertragung Matthias Fienbork)

Als erstes möchte ich an diesem Abend allein durch die Stadt streifen. Die Läden sind noch geöffnet, auf den Straßen wimmelt es von Menschen, eine endlose Prozession von Autos auf der Rue Missallah (Obelisk), die nach der Frau des Patrioten Rue Saffeyah Zaghlul umbenannt wurde. Dieselben Geschäfte am selben Ort, dieselben Apotheken, Buchhandlungen, Restaurants und die endlos sich aneinanderreihenden Schuhläden und bescheidenen Kurzwarengeschäfte, deren Auslagen bis auf den Bürgersteig reichen, und überall diese matten Lichter, die mich an Kavafis’ Nächte und Baudelaires Paris erinnern. Ich erkenne die gotisch-venezianischen Fenster eines alten Restaurants. Als ich die Konditorei Flückiger betrete und der Kassiererin sage, daß ich mich nur umsehen möchte, lächelt sie und sagt, wie vermutlich zu Hunderten vor mir, »Ah, vous êtes de nos temps«, als könne die Zeit jemandes Eigentum sein. Ob ich etwas kaufen wolle? Ich schüttele den Kopf. »Unsere Törtchen sind wie früher. Wir sind noch immer Flückiger«, fügt sie hinzu. Ich nicke. Es ist, als würde ich jeden Tag dort einkaufen, als hätte ich auf dem Weg von der Arbeit gerade vorbeigeschaut und es mir im letzten Moment anders überlegt. Der Gedanke, meine Vergangenheit durch den Verzehr eines Törtchens heraufzubeschwören, erscheint mir viel zu unheimlich und lächerlich. Ich trete durch den Perlenvorhang hinaus ins Freie. Auch der Vorhang ist unverändert. Wie die Gebäude. Sie sind viel schöner, als ich sie in Erinnerung habe, die Architektur eine Mischung aus französischem und italienischem Jugendstil. Aber sie sind auch schmuddeliger, manche sind so baufällig, daß man nicht sagen kann, wie lange sie es noch machen. Mit den Autos genau dasselbe. Viele sind Klapperkisten, geflickte, über dreißig Jahre alte Dinger, teils Rost, teils Blech, teils Abdichtfolie; zusammengeschweißt und lackiert mit jener ägyptischen Phantasie, die weiß, wie man Altes bewahrt und noch das letzte Quentchen Leben aus Dingen herausquetscht, die schon längst hätten ausrangiert werden sollen, für die es aber weder ausländischen noch heimisch produzierten Ersatz gibt. Eigentlich sind es gar keine Autos, eher aufwendig zusammengebastelte Prothesen.Ich biege rechts ab in eine düstere Straße, die frühere Rue Fuad. Neben dem Cinema Amir erhebt sich ein mir unbekanntes großes Bauwerk. Es ist das neu ausgegrabene römische Amphitheater, von dem ich gelesen habe. Ich ignoriere es völlig und gehe links weiter, entdecke Durrell’s Konditorei, gehe eine schmale Straße hinunter, in der ich das Cinema Royale finde und gegenüber das alte Theater Mohammed Ali, das jetzt Sayyid Darwisch heißt, Stolz der alexandrischen Theaterwelt.Und schlagartig wird mir klar: Das Mohammed Ali ist meine letzte Station an diesem Abend. Mir bleibt jetzt nur noch, in das Hotel Cecil zurückzukehren. Zu meiner großen Verblüffung habe ich die meisten vertrauten Orte Alexandrias in etwa acht Minuten besucht!Zurück nehme ich den gleichen Weg durch die belebten Straßen, immer dicht an der Gehsteigkante, jeden Blickkontakt vermeidend, rasch und entschlossenen Schritts, nach Kräften bemüht, die Berührung mit einer Stadt zu vermeiden, die ich wahrscheinlich doch als einzige liebe. Ich möchte, wie eine Homersche Gestalt, von einer Wolke umhüllt und unsichtbar sein, denn mir ist nicht klar, daß ich, wie alle Revenants, womöglich schon einGeist, ein Gespenst bin.Am anderen Morgen breche ich zu einer weiteren Erkundungstour auf, doch nach fünfzehn Minuten bin ich schon in Chatby, wo ich ganz zuletzt hinwollte. Hier sind die meisten Friedhöfe. Vielleicht sollte ich jetzt das Grab meines Großvaters besuchen.Ich suche den jüdischen Friedhof, finde ihn aber nicht, beschließe, statt dessen zum Haus meiner Urgroßmutter zu gehen. Sobald ich im Viertel bin, werde ich praktisch auf den alten Marktplatz gedrängt. Auch er hat sich seit meiner Kindheit nicht verändert. Noch immer dieselben Karren und Buden, der unvergeßliche Gestank von Fisch und Fleisch, das Geschrei und die Menschenmassen, die sich an den Lebensmittelständen und den Hühnerkäfigen vorbeidrängen.Ich könnte hinaufsteigen, überlege ich, als ich vor dem Haus in der Rue Thèbes stehe, aber man beobachtet mich mit meiner Kamera, und jemand steckt tatsächlich den Kopf zum Fenster heraus und starrt herunter. Ich gehe. An der nächsten Ecke überlege ich es mir anders, kehre wieder um, versuche, das Gebäude langsam ins Blickfeld kommen zu lassen, um den magischen Moment festzuhalten, in dem aus Erinnerung Wiederentdeckung wird. Fest entschlossen, mich diesmal nicht einschüchtern zu lassen, trete ich durch die Haustür.Eine Frau mit einem Kind in den Armen erscheint, die Frau des Hausmeisters, der vor ein paar Jahren starb. Jetzt ist sie für das Haus zuständig. Ein Mann kommt hinzu. Er wohnt seit Anfang der fünfziger Jahre im Erdgeschoß, sagt er auf englisch. Ich erkläre, daß ich in diesem Haus gewohnt habe, in Nummer 15. Er denkt einen Moment nach, sagt dann, daß er nicht mehr wisse, wer jetzt dort wohne. Der Hausmeisterin sage ich, daß ich gern an der Tür von Wohnung Nummer 15 klopfen würde. Sie lächelt und sieht mich mißtrauisch an. Sie überlegt. »Sit Vivi«, sagt sie. Madame Vivi. Es fehlt nicht viel, und ich fange an zu zittern. Vivi war meine Großtante. »Sie sind nicht mehr da«, sagt sie. Natürlich sind sie nicht mehr da, möchte ich schreien, wir sind vor dreißig Jahren alle weggegangen! »Darf ich an der Tür klopfen?« frage ich. »Ja«, antwortet sie, unverwandt lächelnd, »aber es ist niemand da.« Wann kommen sie zurück? Sie sieht mich ausdruckslos an. Die Wohnung hat die ganze Zeit leergestanden.Ich weiß, wenn ich insistiere und ihr ein anständiges Trinkgeld gebe, wäre sie vermutlich bereit, mir die Wohnung zu zeigen. Doch der Gedanke an eine dunkle Wohnung, in der sich seit drei Jahrzehnten niemand aufgehalten hat, ängstigt mich. Wer weiß, was auf dem Fußboden oder an den Wänden alles herumkriecht. Schön und gut, wenn ein Deutscher nach dem Geist von Troja gräbt oder in Helenas Schmuck herumstöbert, aber kein Trojaner ist je nach Troja zurückgekehrt.Als ich auf den Fahrstuhl zeige und frage, ob er noch funktioniert, lacht die Frau. Er hat schon lange seinen Geist aufgegeben. Und mit unnachahmlichem ägyptischem Humor fügt sie hinzu: »Allah yirhamu.« Gott erbarme sich seiner Seele.Ich trete in den Innenhof und schaue hoch zu unserem alten Dienstboteneingang. Fast höre ich unseren Koch, der das Dienstmädchen anbrüllt, meine Mutter, die den Koch anbrüllt, und die herzzerreißenden Schreie des armen Mädchens, wenn ihr Lebertumor wieder gegen die Wirbelsäule drückte. Ich überlege, ob ich die Hausmeisterin nachdrücklich bitten soll, mich hinaufzubegleiten, vielleicht kann sie mir auch eine der Nachbarwohnungen zeigen. Ich sehe eine Katze in der Halle spielen, neben ihr liegt eine tote Maus. Die Hausmeisterin bemerkt sie nicht. Auch der Mann aus dem Erdgeschoß sieht sie nicht, ist desinteressiert.Ich weiß, daß es mir später leid tun wird, wenn ich nicht insistiere, und auch, daß dies typisch ist für meine unentschlossenen, halbherzigen Unternehmungen. Doch ich bin diese Ruinen leid, und der Geruch der alten Holztäfelung in der Halle ist zuviel. Und überhaupt reise ich immer so. Nicht um während der Reise etwas zu erleben, sondern um den Ablauf eines möglichen zweiten Besuchs zu entwerfen. Mir geht durch den Sinn, daß ich auch so lebe.

Rezension I Buchbestellung I home IV04 I LYRIKwelt © Hanser