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Der Weltmeister
(Leseprobe aus: Der Weltmeister, Theaterstück, 2005,
Bibliothek der
Provinz).
Weltmeistersüchtig wie sie
sind, erkennen die Deutschen die wahre Sachlage nicht, in der sich ihre Seelen
befinden: Sie haben Adolf Hitler über alles geliebt und kennen die Liebe nicht
mehr.
Rollen: Hitler, Luise, Oma, Bierbichler, Annamirl
HITLER Gnädige Frau, was haben Sie hier für ein wunderbar herrliches Bild: eine
Gebirgslandschaft aus dem Innersten der Seele gedrückt, wird sie von unseren
Blicken gestillt. Da darf man nicht wegsehen, nein, das darf man nicht.
OMA Mhm, wenn mir einer mit der Allergnädigsten kommt, dann weiß ich Bescheid:
aufputzen für eine Tasse Kaffee.
LUISE Aber Mama, du kannst doch das Allerheiligste, den Führer, nicht so stehen
lassen.
OMA Doch, da rinnt was weg von ihm. Der kann sich nicht in den Polsterstuhl
setzen und erst recht nicht auf mein Bett, auf das vom Herbert auch nicht. Jetzt
hast ihn, mit deinem allerrotesten Kleid, magst ihn nicht ein wenig herumtragen?
Zeig ihm den Ofen, auf daß er sich einbilden kann: nur durch ihn haben wir
diesen Wamsler. Tatsächlich tragt sie ihn und es graust ihr nicht. Was das nur
für eine Schmiere ist, die von ihm weggeht? Was er immer heimzieht, der Herbert.
Jetzt auch noch den Hitler, als reichten die Frösche und Maikäfer nicht. Neulich
hat er tatsächlich eine Halskette gehabt mit Schwänzen, Schwänzen von Männern,
sagt er auch noch kaltblütig. Gefehlt hat eigentlich nur noch der Hitler. Wo er
den wohl aufgetrieben hat?!
LUISE Ach mein Hitlerlein, mein süßes Hitlerlein, mach Bäuerchen. Dein spitzes
Bäuchlein drückt gar arg auf meine Schultern.
HITLER Noch ein wenig höher heben und auf den Allerwertesten geklopft, dann
kommt er gleich, der Luftrülpel, der durch meinen Leib poltert. Mit soviel Luft
angefüllt war ich noch nie.
LUISE Doch doch! Als Sie Stalingrad aufgeben mußten, da war es ähnlich. Auch ich
war hinundhergerissen. Können Sie wieder allein stehen, denn Sie allein so lange
angefaßt zu haben, ist mir unheimlich, schön dieses allerbraunste
Führerhauptquartiersakko, jaja, Wiener Schule, gute Schneider, diese Juden.
HITLER Die besten. Schade, daß sie mir nichts nachließen. 412 Anzüge an einem
Donnerstag und kein Rabatt. Da war ihr Schicksal besiegelt. Einem jeden
Dahergelaufenen und Kommunisten gaben sie Rabatt, nur mir nicht. Auf Handschuhe,
Mützen und Mäntel und mehr. Mir nicht! Da beschloß ich allein im Innersten, wo
die Welt auseinanderfällt, ich sie aber zusammenhalte, ihre Vernichtung.
OMA Ist schon recht, aber er stinkt nicht, haben sie doch immer gesagt, daß er
so stinkt. Ich rieche nichts.
LUISE Der Führer ist so omnipotent, daß es partielle Ausfälle gibt, eben bei
Körperflüssigkeit kann der Geruch ausbleiben. Wenn man ihm ganz schnell den Hut
abnimmt, ist kein Scheitel da. Schau, jetzt kommt der Scheitel wieder.
HITLER Sie haben hier ein wohnliches Heim: alles geordnet. Zwei Betten an ihrem
Platz, dazwischen das dreitorige Fenster voll des Lichtes. Bei Ihrem heiteren
Wesen verweilt der Trübsinn draußen.
OMA Mir wird ganz schwummelig… Jaja, der Trübsinn, manchmal hängt er von der
Lärche runter mit den zotteligen Zäpfchen gleich meterlang.
LUISE Der Lärchbaum, sagt sie sonst immer … ihr Vater pflanzte die Lärche zu
ihrer Geburt, wissen Sie, Herr Hitler, das darf man ja jetzt sagen, da Sie sich
in unser Zimmer reinließen. Den Herrn Großvater habe ich nicht mehr kennen
gelernt, weil er ist zu früh gestorben. Erst 4 Jahre nach seinem Tod habe ich es
auf die Welt geschafft. Es hat mir pressiert, aber eher ging es nicht.
OMA Ja, du bist nach meinem Vater geraten: immer stolz und unnachgiebig,
überlegt und zuvorkommend. Zu jung gestorben ist er aber nicht, nur ich bin zu
spät gekommen. Er war schon über 50 als ich mich hervorwagte.
HITLER Haben es sich halt lange überlegt, gnädige Frau.
OMA Ja, ich wisch dir gleich deinen Dreck weg. Obwohl ich nicht weiß, was es
ist, graust mir so.
HITLER Jaja, auf die Welt ist gleich gekommen, aber da sein ohne scharfe
Vorstellungen und ausgeliefert allen anderen, da heißt es bedachtsam sein und
zugreifen und ein Tempo anschlagen, daß keiner mitkommt. Ich denk natürlich an
den Hund, seinen Biß, seine Ausdauer, seine Treue, den Aufblick! Das ist das
Entscheidende, der Aufblick. Als ich Ihren Sohn, den Herbert, niedersinken sah
und wie er, in meinen Schritt fallend, kniete und sein Köpfchen auf meine rechte
Wade legte, da war das alles lebensgefährlich. Doch dann, als er aufblickte und
sich unsere Blicke unzertrennlich in die Ewigkeit bewegten, da wußte ich mich
verstanden, einmal verstanden. Da die Mutter gerade erkrankt war und in Berlin
operiert werden mußte, sorgte ich für ein Kinderheim, ein süßes liebliches
Kinderheim in den Alpen bei Innsbruck oder St. Johann. Und es ging wieder
bergauf.
LUISE Die Mutter bin ich.
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