Nichts bleibt von Willi Achten, 2017, Pendragon

Willi Achten

Nichts bleibt
(Zitat aus:
Nichts bleibt, Roman, 2017, Pendragon).

In der Nacht kam Regen auf. In den Buchen rauschte der Wind. Äste flirrten über das Dachfenster. Manchmal drang der Mond durch die Wolken, warf Licht auf die Schallplatten und CDs, die verstreut auf den Dielen, dem Sofa lagen. Ein Schimmern auf den Bildern und Fotografien. Eine Flusslandschaft. Weiden, Birken, das Wasser voll Sonnensprenkel. Franz Marcs Blaue Pferde. Der Plattenteller drehte stumm vor sich hin. Ich öffnete das Fenster. Die Luft war warm und feucht. Aus dem Wald drang das Rufen der Käuze herüber. Weit entfernt auf einem der Höfe schlug ein Hund an. Wie immer horchte ich in die Nacht. Das Surren von Fahrradreifen auf dem Waldweg blieb aus. Ich hatte es hören können, spät am Abend, wenn ich auf den Jungen gewartet hatte, müde und wütend, da er länger als vereinbart weggeblieben war. Eine Wut, die verrauchte, wenn der Fahrradständer draußen klackte und der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Eine Müdigkeit, die verschwand, wenn die Eier im heißen Öl in der Pfanne aufzischten. Der Junge hatte Appetit. Die Fahrt vom Dorf zu uns hinaus war weit. Der Junge verließ uns vor einem Jahr.

Ich las ein paar Seiten, trank einen Schluck, manchmal fand ich Schlaf, diese Nacht nicht. Ich ging zum Schreibtisch, verglich am Computer die Grauwerte der Fotos, verlorene Orte, ein Waisenhaus in den Bergen, Mauerbögen, auf denen das Gras steht. In den Bettensaal fällt ein Winterlicht, Matratzen gepudert von Staub und Dreck, auf den Fensterbänken gedeihen Birken und Erlen, unter den Betten regenschimmelige Rechnungsbücher. Ein Chemiewerk, aufgezwirbelte Kabelstränge, die von den Decken hängen und durch die Luft zu wachsen scheinen, eine Wanduhr, die Zeiger eingerostet auf dem Stundenblatt. Ich hörte, dass Vater sich im Bett umdrehte. Die Geschossdecken waren aus Holz und nicht gedämmt. Ich hoffte, Vater fand Schlaf. Der Schlaf schützte ihn vor dem Kummer. Seit der Junge fort war, arbeitete Vater wieder, fuhr Brot für eine Bäckerei aus, die einmal seine eigene gewesen war. Er hatte sie nach dem Tod meiner Mutter verkauft, sich zu uns auf den Hof zurückgezogen. Jetzt nahm er jede Schicht an, fuhr am frühen Morgen, auch am Abend die Filialen ab, lieferte aus, nahm die Retourware an, das Brot, den Kuchen vom Vortag. Ware, die kaum jemand essen wollte. W i r aßen das alte Brot. Man wirft kein Brot weg, sagte Vater. So hatten wir es früher auch gehalten. Weniger aus Geiz, sondern weil das Brot für Vater, nicht für mich, nicht für meine Mutter, auf eine überhöhte Art kostbar gewesen war, und es immer noch war. Wieder schlug ein Hund an. Es musste der Hund vom Nachbarhof sein. Ein Blaffen, das sich steigerte, heiser wurde. Der Hund geriet außer sich. Ich stand auf, griff nach meiner Jacke.

(...)

Rezension I Buchbestellung I home II17 LYRIKwelt © Pendragon