Transfer von Willi Achten, Grupello-Verlag, 1997Willi Achten

aus: Transfer

An den Sommerabenden - die Sonne hing flach und apfelsinenfarben über den Obstbäumen, Mücken tanzten, und die Wildblumen entlang des Gartenwegs waren unter der Hitze des Tages geschrumpft - trug Ferdinand die Kiste aus dem Haus und stellte sie an den Stamm des Kirschbaums. Ferdinand hatte wie gewöhnlich um diese Stunde seinen besten Hut auf - ein wildlederner Modellhut mit breiter Krempe, wie ihn Imker und Ganoven in amerikanischen Schwarz-Weiß-Filmen tragen. Der Hut war alt. Im Schweißband war zu lesen: Mode aller Art - Levy & Sohn - Düsseldorf. Auch die scheußliche Krawatte mit Rautenmuster hatte er umgebunden. Eine Krawatte wie Ferdinand trug niemand im Dorf.
Ferdinand stieg auf die Kiste, schloß die Augen und legte seine Wange an die Rinde des Kirschbaums, genau an die Stelle, wo ein Buchstabe - es war ein A. - mit den Jahren langsam größer und größer wurde und begann den Stamm hinaufzuklettern.
Es war eine gelb-rote Apfelsinenkiste, die, wie Ferdinand sagte, aus Malaga stammte. Malaga sei in Spanien und Spanien weit weg. Früher sei Spanien schön gewesen. Noch kurz vor dem Bürgerkrieg. Mehr sagte Ferdinand nicht zu Spanien und Malaga. Ein bitterer Zug lag um seinen Mund, so als habe er sich eines ekelhaften Geschmacks, vielleicht eines verdorbenen Fischs erinnert.
Es gäb vieles, auf das er zurückschauen müsse, sagte Ferdinand. Ja, ein Leben reiche nicht dazu aus. Wenn wir - meine Schwester und ich - älter würden, verständen wir ihn. Von einem bestimmten Zeitpunkt, den Ferdinand nicht weiter erklärte, sei das Leben ein großes Erinnern, und er für seinen Teil sei überaus froh, daß er dem Erinnern so viel seiner Zeit geschenkt habe. Das Leben sei ohne die Erinnerung kein Leben. Nur sie halte das Leben ja im Eigentlichen zusammen. So oder ähnlich muß sich Ferdinand ausgedrückt haben.
Meine Schwester und ich mieden in diesen frühen Abendstunden den Garten. Ohne daß Ferdinand es uns gesagt hätte, wußten wir, daß das Erinnern beinahe so feierlich und andächtig war wie die Musik, für die Ferdinand sich von Zeit zu Zeit in sein Zimmer zurückzog. Er schloß die Tür, anfangs hörten wir noch die Dielen unter seinen Schritten knarren, dann allein nur noch die dickflüssigen, schwermütigen Klänge, wobei mir verregnete Sommernachmittage und Abschiede auf Bahnhöfen in den Sinn kamen. Leise drückten wir uns durch das Gartentor nach draußen auf die Dorfstraße und hielten Ausschau nach einem Zeitvertreib.
Wir streiften durch die Felder. Auf den Wegen kitzelte uns das Gras in den Kniekehlen. Wir hoben Krähennester aus und zählten die Wildtauben, die in den Bäumen am Waldrand zur Nacht landeten.
Erst wenn es dunkel wurde, und in der Ferne auf den Höfen das Knattern der Traktoren verebbte, das Balzen der Tauben auf den Dächern verstummte und die Nachbarn begannen, auf den Gartentischen die Windlichter zu entzünden, gingen wir heim. Wir faßten uns an die Hand und sangen, zumindest bis wir uns in Hörweite des Gartens wähnten. Schlager und Lieder aus der Schule. Einmal ein Lied unserer Großmutter. Wir stritten, weil wir den Text nicht zusammenbekamen, und meine Schwester verstummte jäh, als sie sagte: Ich frag Oma.
Jedesmal, wenn wir am blauen, schmiedeeisernen Tor anlangten, horchten wir, ob nicht A.'s Stimme von irgendwoher aus dem Garten zu hören war. Zuweilen meinten wir, ihre Schritte auf dem mit Kieselsteinen ausgelegten Gartenweg zu hören.
Wir haben sie nie gesehen. Aber wenn wir Ferdinand bei unserer Heimkehr fragten, ob A. denn auch heute Abend dagewesen sei, so lächelte er und sagte: »Die Gute, natürlich, sie war da. Nur, wie immer, sie hatte wenig Zeit.« In seinen Mundwinkeln spielte für Sekunden ein Zittern, so als würde der Wind in einen Baum fahren und ihn schütteln. Er legte noch einmal seine große, dürre Hand auf das wulstig aufgeworfene A. in der Rinde und stieg von seiner Kiste. Anschließend sprach Ferdinand nicht mehr viel. Er brachte uns zu Bett. Las müde und abwesend aus einem Buch. Wir täuschten Schlaf vor und entbanden ihn von seiner Pflicht. Wir haben ihn nie nach A. gefragt.

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