aus: Transfer
An den Sommerabenden -
die Sonne hing flach und apfelsinenfarben über den Obstbäumen, Mücken tanzten, und die
Wildblumen entlang des Gartenwegs waren unter der Hitze des Tages geschrumpft - trug
Ferdinand die Kiste aus dem Haus und stellte sie an den Stamm des Kirschbaums. Ferdinand
hatte wie gewöhnlich um diese Stunde seinen besten Hut auf - ein wildlederner Modellhut
mit breiter Krempe, wie ihn Imker und Ganoven in amerikanischen Schwarz-Weiß-Filmen
tragen. Der Hut war alt. Im Schweißband war zu lesen: Mode aller Art - Levy & Sohn -
Düsseldorf. Auch die scheußliche Krawatte mit Rautenmuster hatte er umgebunden. Eine
Krawatte wie Ferdinand trug niemand im Dorf.
Ferdinand stieg auf die Kiste, schloß die Augen und legte seine Wange an die Rinde des
Kirschbaums, genau an die Stelle, wo ein Buchstabe - es war ein A. - mit den Jahren
langsam größer und größer wurde und begann den Stamm hinaufzuklettern.
Es war eine gelb-rote Apfelsinenkiste, die, wie Ferdinand sagte, aus Malaga stammte.
Malaga sei in Spanien und Spanien weit weg. Früher sei Spanien schön gewesen. Noch kurz
vor dem Bürgerkrieg. Mehr sagte Ferdinand nicht zu Spanien und Malaga. Ein bitterer Zug
lag um seinen Mund, so als habe er sich eines ekelhaften Geschmacks, vielleicht eines
verdorbenen Fischs erinnert.
Es gäb vieles, auf das er zurückschauen müsse, sagte Ferdinand. Ja, ein Leben reiche
nicht dazu aus. Wenn wir - meine Schwester und ich - älter würden, verständen wir ihn.
Von einem bestimmten Zeitpunkt, den Ferdinand nicht weiter erklärte, sei das Leben ein
großes Erinnern, und er für seinen Teil sei überaus froh, daß er dem Erinnern so viel
seiner Zeit geschenkt habe. Das Leben sei ohne die Erinnerung kein Leben. Nur sie halte
das Leben ja im Eigentlichen zusammen. So oder ähnlich muß sich Ferdinand ausgedrückt
haben.
Meine Schwester und ich mieden in diesen frühen Abendstunden den Garten. Ohne daß
Ferdinand es uns gesagt hätte, wußten wir, daß das Erinnern beinahe so feierlich und
andächtig war wie die Musik, für die Ferdinand sich von Zeit zu Zeit in sein Zimmer
zurückzog. Er schloß die Tür, anfangs hörten wir noch die Dielen unter seinen
Schritten knarren, dann allein nur noch die dickflüssigen, schwermütigen Klänge, wobei
mir verregnete Sommernachmittage und Abschiede auf Bahnhöfen in den Sinn kamen. Leise
drückten wir uns durch das Gartentor nach draußen auf die Dorfstraße und hielten
Ausschau nach einem Zeitvertreib.
Wir streiften durch die Felder. Auf den Wegen kitzelte uns das Gras in den Kniekehlen. Wir
hoben Krähennester aus und zählten die Wildtauben, die in den Bäumen am Waldrand zur
Nacht landeten.
Erst wenn es dunkel wurde, und in der Ferne auf den Höfen das Knattern der Traktoren
verebbte, das Balzen der Tauben auf den Dächern verstummte und die Nachbarn begannen, auf
den Gartentischen die Windlichter zu entzünden, gingen wir heim. Wir faßten uns an die
Hand und sangen, zumindest bis wir uns in Hörweite des Gartens wähnten. Schlager und
Lieder aus der Schule. Einmal ein Lied unserer Großmutter. Wir stritten, weil wir den
Text nicht zusammenbekamen, und meine Schwester verstummte jäh, als sie sagte: Ich frag
Oma.
Jedesmal, wenn wir am blauen, schmiedeeisernen Tor anlangten, horchten wir, ob nicht A.'s
Stimme von irgendwoher aus dem Garten zu hören war. Zuweilen meinten wir, ihre Schritte
auf dem mit Kieselsteinen ausgelegten Gartenweg zu hören.
Wir haben sie nie gesehen. Aber wenn wir Ferdinand bei unserer Heimkehr fragten, ob A.
denn auch heute Abend dagewesen sei, so lächelte er und sagte: »Die Gute, natürlich,
sie war da. Nur, wie immer, sie hatte wenig Zeit.« In seinen Mundwinkeln spielte für
Sekunden ein Zittern, so als würde der Wind in einen Baum fahren und ihn schütteln. Er
legte noch einmal seine große, dürre Hand auf das wulstig aufgeworfene A. in der Rinde
und stieg von seiner Kiste. Anschließend sprach Ferdinand nicht mehr viel. Er brachte uns
zu Bett. Las müde und abwesend aus einem Buch. Wir täuschten Schlaf vor und entbanden
ihn von seiner Pflicht. Wir haben ihn nie nach A. gefragt.
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