Ameisensommer von Willi Achten, Grupello-Verlag, 1999Willi Achten

aus: Ameisensommer

Ich dachte [...], daß jetzt die Zeit gekommen war, zu wissen, als hätten die Geschichten, die lange Jahre ruhen, eine Stunde, in der sie erwachen, und als könnte nichts gegen ihre Heraufkunft getan, als könnte sie allenfalls ein wenig hinausgeschoben werden, [...]
Ich glaube nicht, daß für irgendetwas die Zeit vergeht, [...] alles ist da und wartet darauf, daß man es zurückholt. [...]
Vielleicht kommt ein Augenblick, in dem die Dinge erzählt werden möchten, sie selbst, vielleicht um zur Ruhe zu kommen oder um endlich zu einer Fiktion zu werden.
Javier Marias




1.

Zwei Dutzend Tische vielleicht. Die Gläser voll aguardiente - ein Gesöff zum Feuerspucken, das in der Kehle ein Glühen hinterläßt. In der Sonne trocknendes Treibholz. Die Stille, die sich in der Brandung zwischen zwei Wellenschlägen auftut. Im Rücken die Stadt. Ceuta. Ein Brückenkopf. Dahinter schon Afrika. Der Geruch von wilder Minze, die der Junge zwischen den Fingern zerreibt.
Ameisen, die in dichten Kolonnen quer über den Tisch wandern und Zuckerkristalle und Tabakkrümel davontragen.
Die Schuhsohlen beschlagen. Die Hosen aus grünem Drillich, wie ihn das Militär trägt. Ein Schlüsselbund, der am Finger kreist. Das Haar kräftig ins Schwarze gedunkelt. Ein Lächeln zwischen den Zähnen. »Miren, senores. Schauen Sie.«
Damals Gibraltar. In den Handflächen ein Brennen, wenn Haut zu lange an Haut reibt. Nach dem Essen, der Widerhall der Glocken dröhnte im Bauch, und auf dem Jochbein schimmerte die Haut durchlässig und porös wie ein durchgewetztes Tischtuch, kam er an den Tisch. Er roch gut, ein teures Parfum, zu teuer für einen Schuhputzer. Flink stellte er den Schuhputzkasten auf das Trottoir, ein Griff zu ihrem Fuß. Senora, por favor. Guttural. Und sie lächelte. Hin und her - die Bürste. Die Blicke ihr Bein hoch.
Damals - in Gibraltar - hätte es ein Griff in den Nacken getan, so wie man einen Köter schüttelt oder ein Kind, das in das Tischtuch Sterne schneidet.
Ameisen, die in die Zigarettenpackung des Jungen laufen, über die Zinken der Gabel balancieren.
Senor, por favor! Der Vater zuckt, in den Mundwinkeln ein Beben: eine Fotografie, über den Tisch geschoben, Ähnlichkeiten, der Schnitt der Augen, die flammende, mahagonifarbene Fülle des Haars, die Haut olivfarben. Der Himmel ein hitziges Abendrot. Cuánto cuesta? Die Stimme des Vaters holprig und spröde. Nach all den Jahren nun eine Liebe, die ... er winkt ab ... ihr Schatten legt sich in seinen Blick, er schüttelt den Kopf, er hat ihre Spur finden, hat den Wind, die Regenfurchen im Sand lesen wollen, in Gibraltar, in Mogador, in der Wüste, vor allem in der Wüste.



2.

Das Meer ist blau und abends grün. Der Junge geht über den Dünenweg nach Hause. In die Kniekehlen sticht spitzes, hartes Gras. Manchmal bleibt der Junge stehen, verharrt wie bei großem Schreck, dann sieht er Ameisen einen Holzpfahl herunterklettern, der in den Boden eingelassen ist und den rote und gelbe Kreise, Markierungen, zieren. Am Fuß des Pfahls angekommen verschwinden die Tiere im Sand, als würden sie verschluckt.
Manchmal legt der Junge den Kopf in den Naken, sein blondes Haar steht aufrecht wie eine Mütze im Wind. Eine Lerche steigt. Der Vogel singt, oder ist es ein Rufen, ein verwundertes, aufgeregtes Krakeelen, da die Silhouette des Sperbers sich senkt und blitzschnell das Tier in der Luft reißt, es vom Himmel wischt.
Manchmal setzt sich der Junge auf eine Bank, wippt mit den Füßen und läßt Sand aus den Schuhen rinnen, der auf den Boden rieselt und Kreise und Männchen malt.
Wenn es dämmert, liegt der Junge im Bett, und der geöffnete Mund näßt das Kopfkissen. Schreit ein Kauz oder ein Eichelhäher, öffnet der Junge die Augen und sieht den letzten Rest Tageslicht von den Wänden rutschen. Unter dem Kopfkissen sind Stimmen. Manchmal wirft sich ein Lachen in das Murmeln, und der Junge streckt sich noch tiefer in die Kissen.



3.

Ein winziges Schnarchen, nur wenn er nähertritt, nur dann ist es zu hören. Und das Kopfkissen ist feucht vom Speichel und klamm die kleine Faust. Ein kalter Mond schaut durchs Fenster, und der Vater zieht die Bettdecke bis an das Kinn des Jungen. Am Ufer haben sie Eisschollen gebrochen, auf die der Junge sich hockte - ein Schubser, ein Ruck, und er sauste übers Eis, das manchmal knarrte wie eine Tür im Wind. Nochmal, nochmal, rief der Junge, wenn die Scholle ihn bis ans andere Ufer trug, und er dort in den Schnee hineinpflügte, der aufwirbelte und in der Luft glitzerte.
Er horcht. Er hört die Stille, und die Stille sagt, daß es wieder schneit. Immer ist es die Stille, die vom Schnee spricht.
Er legt sich zu dem Jungen ins Bett. Bald schon, in ein paar Jahren, würde der Junge das seltsam finden. Er muß ihn festhalten - den Augenblick. Irgendwann, bald schon oder in dreißig Jahren wird er ihn brauchen. Der Geschmack von Haselnüssen und Weintrauben legt sich ihm in den Mund. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf und sieht, daß der Mond aus dem Fenster verschwunden ist. So früh schon, denkt er. Er schnuppert am Haar des Jungen - es riecht wie trockenes Stroh. Ein flirrendes Lamettalicht liegt auf den Flurdielen, und der Duft von Kerzen und Baumharz zieht bis ins Kinderzimmer. Das Blut rauscht in den Ohren. Der Junge räkelt sich, ballt kurz die Fäuste, schmatzt und sinkt zurück in das Kissen, von dem ein süßlicher Schweißgeruch aufsteigt. Aus der Ferne, hinter der Wand, meldet der Nachrichtensprecher strengen Frost. Eine Kälte wie lange nicht mehr. 1962 war er so alt wie das Kind. Damals erfroren in den Bäumen die Vögel. Am Morgen lagen sie zu Füßen der Spaziergänger. Das Kind schnarcht jetzt lauter. Der Mund steht offen, und die weißen Mausezähne scheinen auf - ein winziges Leuchten, das nur die Nacht zaubert, das er allein nur sieht, der er den Arm um den Jungen gelegt hat und jetzt hört, wie der Kühlschrank in der Küche anspringt.
Ameisen, die sich von Zinken zu Zinken hangeln, nachdem sie zuvor mit ihren Fühlern den Abstand geprüft haben.



4.

Die Mutter stellt die Milch zurück, stößt die Fensterläden in der Küche auf und schaut aufs Eis hinaus. Der Junge fährt Schlittschuh, später spielt er auf dem gefrorenen Weiher Hockey. In der Auslage der Metzgerei hängt ein Schild - Komme gleich wieder. Der Fleischer trägt eine Pudelmütze und Handschuh. Mit den Handschuhen kann er den Puck gut greifen. Der Richter und der Schulrektor führen am Mittag ihre Hunde aus. Kurzbeinige Dackel, die alle nasenlang ausrutschen und das Eis blank putzen.
Das Kind hat rote Backen und ißt am Abend einen Teller voll Bratkartoffeln. Nachts träumt der Junge von einem Schimmel, einem Hengst, der die Haustür mit dem Maul öffnet, ins Zimmer der Mutter trabt, den Kopf durchs Fenster steckt und auf die Überlandstraße hinausschaut.



5.

Nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen ist zu hören. Selbst die Krähen und Bussarde schweigen. Der Schnee ist trocken und fest, fährt man mit der Hand darüber, sind die Schneesterne kantig und spitz. Bei jedem Schritt sinkt der Vater fast bis zu den Knien ein. Seit Tagen ist niemand von den Einheimischen mehr hier raus gegangen und hat das Dorf verlassen. Alle Fußstapfen sind verweht, sogar die Spuren der schweren Traktorenreifen. Die Sonne brennt auf der Haut. Es ist windstill. Über den Himmel ziehen Flugzeuge. Ihre Kondensstreifen sind wie eine Spur aus Schnee im Blau.
Jeder Schritt ermüdet. Ermüdet die Muskeln über Gebühr. Der Vater will genau das. Das Herz wird ruhig, wenn die Muskeln zu schmerzen beginnen. Sein Rücken ist schweißnaß. Er hat Durst und nur zwei Äpfel bei sich. Jede Reduktion steigert den Genuß, denkt der Vater, als er in den Apfel beißt, und der Saft durch die Kehle rinnt oder die Mundwinkel hinunterläuft, so daß er ihn mit der Zunge auflecken muß. Der Vater ist ohne Karte unterwegs. Er hat sich noch nie verlaufen, auch wenn er wollte, und er will jetzt, und er weiß, er wird scheitern, auch diesmal scheitern. Mit dem Verlaufen ist wie mit dem Ertrinken. Für einen guten Schwimmer ist es beinahe unmöglich. Er muß aufs offene Meer hinausschwimmen. Schwimmen, ohne sich umzublicken. Schwimmen so lange, bis die Rückkehr unmöglich ist. Aber sind die Muskeln erst müde, machen sie das Herz weich, das zaudert, und so kehrt er um, der Schwimmer, läßt sich mit der Flut zurücktragen.
Der Vater läßt sich mit den Knien in den Schnee fallen, hockt sich dann auf seine Fersen, damit wenigstens der Hintern trocken bleibt. Das Eis glitzert in den Bäumen. Dort, wo die Sonne die Bäume und das Eis erwärmt, rieselt der Schnee, und das Eis schmilzt, torkelt zu Boden, stößt gegen andere Eiszapfen, läßt ein Klingeln ertönen wie von einem Glockenspiel, einem gläsernen Glockenspiel. Es ist eine große Lichtung, und die Sonne steht hoch am Himmel, jetzt Ende Februar hat sie wieder Kraft und jeder Baum seine eigene Melodie.
Wann immer die Ameisen auf dem Tisch eine Spur Feuchtigkeit entdecken - ein Glas Tee, eine Tasse Mokka, die übergeschwappt sind - verharren sie für einen Moment, nehmen die Flüssigkeit auf und beginnen, sich im Kreis zu drehen, als würde ihnen schwindlig.



6.

Der Junge sitzt auf der Türschwelle. Er ist blond - blond wie nur Kinder sind. Am Hinterkopf ist das Haar struppig noch von der Nacht. Der Junge wiegt sich hin und her. Er singt. Es ist Sonntagmorgen.
Die Luft flirrt, und stünde der Junge auf dem Kölner Dom oder gar auf der Zugspitze, wäre die Fernsicht außergewöhnlich. Es ist Oktober und warm - eine Wärme, die nur der Herbst kennt, wenn er es noch einmal gut meint und die Haut täuscht, die dem Jungen neue Sommersprossen schenkt.
In der Küche sitzen sein Vater und seine Mutter. Der Wasserhahn tropft. Durch die gehäkelte Gardine mit Vogelmotiv fällt Sonnenlicht und legt Glanz auf das Haar der Mutter. Die Mutter holt ein Paßfoto hervor. Sie schaut es lange an - so wie man nur das eigene Paßfoto mustert.
Mittlerweile gefalle ich mir auf dem Bild, sagt sie. Der Vater schluckt - ganz so, als hätte er gerade noch seine Antwort verhindern können.
Der Junge singt Mama und Papa, Papa und Mama ... Mit einem Stock pult er in den Fugen der Pflastersteine.
Der Vater steht auf und geht zur Tür hinaus. Er streicht dem Jungen über den Kopf. Sein Schritt schwankt.



7.

In den Haaren des Jungen spielt der Wind. Seit Tagen fegt der Mistral über das Hochland. Der Vater schließt das Fenster und streicht dem Jungen das Haar aus der Stirn. Speichel läuft aus dem Mund des Jungen und netzt sein Hemd. Jenseits der Ebene hängt die Mondsichel über den Bergen. Die Berge ... Dorthin müßte er mit dem Jungen gehen. Lavendelgeruch tröstet seine Nase. Ein Gefährt mit Wohnwagen schiebt vorbei und mischt für kurze Zeit den Duft mit einer Dieselwolke auf. Tausend Kilometer ist er gefahren, um die Lavendelfelder zu sehen. Tausend Kilometer, damit der Mistral durch die Zimmer, über die Terrasse streichen kann. Und tausend Kilometer mögen auch die Wohnwagen auf der route du soleil gereist sein. Er steht auf und tritt mit dem Jungen im Arm hinaus auf die Straße, die nun leer ist bis auf den Alten, der humpelnd an ihm vorüberzieht. Klaviermusik streicht aus offenen Fenstern über die Felder. Der Alte wird sie nicht mögen - die Musik, auch wenn die Tochter sie eigenhändig auf dem Flügel spielt, auch wenn ihr Gatte sich geräuschlos im Swimmingpool aalt und von Zeit zu Zeit am Bekenrand einen Schluck Wein trinkt, auch wenn der Mond jetzt hinter den Bergrüken verschwindet und ihre Silhouetten in seinem Licht noch nachglühen, auch wenn die Grillen noch immer ein sostenuto zirpen und dem Klavier zu schaffen machen. Jetzt, wo der Alte sich entfernt hat, ist der Platz unter dem Wegkreuz frei. Die Steine sind noch warm. Unter den Fingern zerbröseln die Trockenflechten. Kein Stein ist ja nur Stein. Alles hat Sehnsucht, alle Materie will Berührung, will Verbindung: Im Zwielicht leuchten die Flechten gelb auf dem anthrazitfarbenen Stein. Wüstenstaub aus der Sahara passiert in großer Höhe die Alpen, fällt zuweilen mit dem Schnee vom Himmel und färbt die Gipfel rotbraun. Es kommt vor, daß der Staub den atlantischen Ozean überbrückt und über dem tropischen Regenwald abregnet - Wüstendünger, der den Wäldern Amazoniens zugute kommt.
Irgendwann wird der Alte umkehren müssen. Der Weg endet an einer Schranke: chemin privé. An den Fluß gelangen nur Camping-Freunde. Alle Wege münden hier in ein Heerlager aus Zelten und Wohnwagen, einem Chor aus dudelnden Radios und Hunden, die an Wagenräder geleint werden und deren Gebell die Nacht zerreißt. Der Alte wird den Platz unter dem Wegkreuz besetzt finden. Wortlos wird er vorübergehen und sich in den Garten setzen. Mehr gibt es für ihn nicht zu tun, mehr gibt der Abend hier nicht her. Niemanden, außer den paar Sommergästen kann er hier treffen. Niemanden, außer der Tochter und dem Schwiegersohn, die alle zwei Wochen den Gästen frische Bettwäsche bringen.
Der Alte zögert, schaut ihn an, blickt dann auf den schlafenden Jungen, steckt die Hände in die Tasche, schlurft davon in Richtung Kirche. Ohne den Jungen hätte der Alte wahrscheinlich seinen Platz eingefordert. So setzt er sich auf die Schwelle der Kirchentür. So beugt er den Rücken und umfaßt mit den Händen seine Knie. Er wartet - wie die Rosenpflücker im Dadèstal auf den Lastwagen der Destillationsfabrik warten, wie Beduinen an einem Feuer in der Wüste während der Teezeremonie. Er wartet wie Kinder warten. Auf Türschwellen und Bordsteinen, in der Medina und auf Marktplätzen, gegen ein Karrenrad, eine Mauer gelehnt, im Schatten, im Nachtwind, im Datoo, der das Herz weich macht, der Wohlgeruch über die Dachterrassen und in die Zelte weht, der sich von den Klippen Gibraltars losreißt, wie der Mistral, der keine Tageszeit kennt. Der Junge schlägt die Augen auf und schaut leer, noch schlaftrunken, in die Nacht. Leise, sich anschmiegend, wimmert er: Was tun wir hier? Der Vater schweigt. Er weiß keine Antwort. Keine Antwort für ein Kind.
Das Gartentor fällt ins Schloß, und für einen Moment verstummt das Klavier.
Komm, sagt der Vater, gehen wir hinüber zur Kirche. Der Junge reicht ihm seine Hand. Wie winzig sie immer noch ist. Er drückt die Klinke. Auch heute ist die Tür verschlossen.
Komm, sagt er, gehen wir heim. Ihre Schritte schluckt der Asphalt.
Auch zu ihren Füßen, auf der Terrasse, hat die Anzahl der Ameisen zugenommen. Emsig tragen sie Brotkrümel und Piniennadeln, manchmal die Kadaver von Artgenossen in alle möglichen Schlupflöcher und Mauerschlitze.
Der Junge geht ins Haus. Nimmt aus dem Kühlschrank einen Joghurt. Er setzt sich an den Küchentisch und ißt. Manchmal hört der Vater den Jungen seufzen, schließlich kratzt er mit dem Löffel den Becher aus - ein Geräusch, das sich mit dem Rascheln der Ratten paart, die unten im Hof durch das Herbstlaub vom Vorjahr huschen. Nachts hört er sie über das Dach laufen - als ob er hellhörig wäre. Schaut er nach, sitzen sie auf dem First des Nachbarhauses - faustgroße Pelzbälle, die ihre Schnauzen nach ihm ausrichten, sobald er das Fenster aufreißt. Sie haben die Tauben vertrieben, die dort ihre angestammten Plätze haben. Manchmal findet der Junge am Morgen einen ausgebluteten und ausgeweideten Kadaver - eine Federhülle, in die der Wind greift und der das Aroma aus Hitze und Blut, das in die Federn eingetrocknet ist, in die Zimmer trägt. Manchmal klettern die Ratten die Wände hoch und machen sich über die Eier und die Jungtauben her, die in ihren verwaisten Nestern auf einem Mauervorsprung chancenlos sind. Fiepend und mit vor Begierde feuchten Schnauzen stürzen sie von Nest zu Nest. Gegen die Ratten ist er wehrlos. Kein Schuh, kein Besenstiel, die er schleudert, hält sie auf. Nicht einmal Gift hilft. In die Berge müßte er gehen. Einen Ort muß er finden. Für sich und das Kind - fernab von seiner Frau, die schon lange nicht mehr seine Frau, die nur noch die Mutter des Jungen ist, die er betrügt mit seinen Erinnerungen an die Wüste, an Mogador. Einen Ort muß er finden - die Stille eines geöffneten Fensters, eine Stille, die sich auf die Kissen und die Möbel senkt, der Geruch der Nacht, ein kühler Atem, der durch das Fenster streicht und die Laken und Träume glättet. Goethe, denkt er. Goethe und sein Gartenhaus und alles wäre möglich - der Schlaf und das Vergessen.



8.

Nachts hört der Junge ein Flüstern gegen die Wand drängen. Lange schon sind es nicht mehr die kehligen Sturzlaute der Mutter, die heiser wie eine Elster klangen, und das kurze staccato des Vaters, dem die Stille folgte, die den Jungen dann ans Fenster treten und in den Sternenhimmel blicken ließ.
Das Flüstern ist jetzt laut. Es ist schrill und spitz, wenn die Mutter zischelt. Die Stimme des Vaters tönt rauh und dunkel wie das Röhren von Wasser in einem Abflußrohr. Der Junge legt sich auf die Seite. Drückt sein Ohr auf das Kopfkissen. Auf das andere Ohr preßt er den Plüschbären. Dann ist es ruhig - dank des Bären und dank des Kissens.



9.

Der Junge sitzt am Fluß und weint. Der Vater steht auf der Brücke. Der Vater fährt sich durchs Haar und schaut auf den Fluß. Ein Bündel Geldscheine beult seine Hosentasche. Den Platz im Flugzeug wird er davon bezahlen. Er wird sich erholen und von seinem Fenster aus Delphine durch die Meerenge pflügen sehen. Er wird nachts wachliegen und an das Kind denken. Er wird sich erholen und sich an ihr Haar erinnern, die bronzene Flut auf dem Kopfkissen. Er wird versuchen, sich ihre Stimme vorzustellen, die in Tanger eine andere war als in Gibraltar, den Geruch ihrer Haut, wenn Salzwasser auf ihr trocknete, den Abdruck ihres Körpers im Sand, die Beine - lang wie die Wellenzungen, Stimmen, die übers Gebirge kamen, die vom Wetterwechsel, die vom harmattan, einem Staubsturm über der Sahara sprachen. Er hätte den Atem der Furien spüren müssen. Aber da war nur der Geruch von verlöschenden Strandfeuern und Kif in der Luft, und die Glieder längst bleischwer und liiert mit dem Schlaf, der mit dem Gewicht der Nacht und des Sternenhimmels ihn auf den Sand drückte. Kurz vor Morgengrauen dann Stimmen, ein Flüstern, das über sein Ohr hinwegstrich und sich die Dünen hinauf verlor.
Der Junge wird am Fluß sitzen und angeln.
Der Vater wird ihre Spur suchen, er wird übers Wasser in die Sandnebel laufen, er wird ins Zentrum des Sturms hasten, er wird in die Öde des Djebel Tifernine ziehen, er wird die Schuttkegel besteigen, und sein Blick wird auf keinen Strauch, keinen Halm treffen, eine Landschaft, die keine Landschaft mehr ist, schwarz und so stumpf, daß selbst das Licht kapituliert, da das Geröll, trostlos wie Kohlehalden, nicht mal den mattesten Schimmer reflektiert.
Absolute Lautlosigkeit, die etwas anderes ist als Stille, läßt das Blut in den Adern rauschen. Stille hat einen Geruch, hat einen Ton. Vergeblich pirscht er nach einem Käfer, nach einer Ameise, kein Punkt am Himmel, der einem Vogel gleichen könnte. Er wird ihr Foto in der Brieftasche tragen.
Die Brieftasche mag man finden. Wer immer in der Wüste verlorengeht, wer immer seine Spur verwischen will, fast immer findet sich ein Rest, ein Fragment, das der Sand nicht zudeckt. Der Junge wird die Frau auf dem Foto nicht kennen. Die Mutter wird man einfliegen. Sie wird lange über dem Foto schweigen und dann zu einem Spaziergang aufbrechen und Delphine sehen auf ihrem Weg durch die Meerenge.
Der Vater wird sich erholen und versuchen, sich ihr Gesicht vorzustellen, als sie aufwachte in den Dünen Mogadors, als sie sich über ihn beugte und sich in der Morgendämmerung davonmachte. Fußabdrücke im Sand, die der Wind zuwehte.



10.

Am Nachmittag fährt der Wind in die Erlen und schüttelt den Schnee aus den Zweigen. Die fleischigen Wangen des Jungen sind gerötet - ein Apfelrot. Der Schnee knirscht unter den Schlittenkufen. Fliegt sein Schlitten aus der Spur und landet im Unterholz, wenden die Jungen kurz den Kopf. Ein milder Spott züngelt in der Luft. Der Junge lächelt, klopft sich den Schnee von den Kleidern und stapft den Hang hinauf. Der Weg ist steil, seine Brille beschlägt. Er hält inne und hockt sich auf den Schlitten. Er nimmt die Brille ab und schaut den Schneeflocken zu, die zu Boden wirbeln. Der Aufstieg ist lang; oben angekommen greift er zur Thermoskanne. Ein Flugzeug kreuzt geräuschlos den Himmel. Es zieht einen Schweif aus Kondensstreifen hinter sich her.
Mein Vater, deutet der Junge auf das Flugzeug und bietet den Jungen einen Schluck Kakao an. Sie grinsen und trinken reihum aus dem Becher.
Mein Vater, sagt der Junge. Irgendwann wird ein Flugzeug ihn zurückbringen.
Er schraubt die Thermoskanne zu und stellt sie zurück in den Schnee. Die Jungen schweigen. Irgendwas läßt sie zögern, nachzufragen oder ihn einzuladen, doch mitzumachen bei der Schlittenkette. Der Junge leckt die Mundwinkel aus. Er zieht die rote Jogginghose hoch, streift die Handschuhe über. Er schiebt die Mütze aus der Stirn und steigt auf den Schlitten. Er braucht Schwung. Er drückt sich mit den Füßen ab. Sagt, schon in das Knirschen des Schnees hinein: Meine Mutter, jeden Tag ist sie sich sicher, daß das Flugzeug kommt.

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