Wortgesindel von Friedrich Achleitner, 2015, Zsolnay

Friedrich Achleitner

die ermordung kafkas
(Zitat aus:
Wortgesindel, 2015, Zsolnay).

anlässlich seines achtzigsten todestages wurde in wien franz

kafka ermordet. vollstrecker war ein alter schauspieler, der

zum gaudium seiner lachgemeinde einige geschichten vorlas,

die er vermutlich vorher nie gelesen hatte und sie daher mit

einem holprigen pathos vortrug, sich von wort zu wort hantelnd,

sodass die texte stellen freigaben, die das publikum

dankbar zu müden lachern verführten. das pathos des asthmatischen

sprechers war aber nicht nur zum weinen, es blödelte

am text ernstgefroren vorbei, sodass kafka aus jeder silbe vertrieben

wurde und in den gängen des rundfunkgebäudes herumirrte.

der mörder hat mich schon nach dem dritten satz

erschlagen, sagte kafka einem verzweifelten hörer, der den

apparat abgeschaltet hatte, und wenn ich nicht schon längst

tot wäre, hätte ich nicht einmal flüchten können. aber diesem

herrn werde ich nichts schenken, und sollte er dreimal otto

heißen, sagte kafka, denn für die wiener schmierenkönige haben

die dichter eine feine abteilung im jenseits eingerichtet, in

der sie sich ewig und pausenlos ihren dreck anhören müssen.

wie ich aber gehört habe, meinte ein passant auf dem gang der

alten ravag, hören sich die mimen ihren schmarrn sogar noch

jahrhundertelang mit vergnügen an, sodass man eher für die

dichter ein kammerl einrichten sollte. und was hören sich die

an? gar nichts: die lesen in ihren werken.

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