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Im Schaufenster
im Frühling
(Leseprobe aus:
Im
Schaufenster im Frühling, Roman, 2004, Ammann)
Luisa Amrein
hatte damals eine grüne Haarschleife bekommen. Sie paßte gut zu ihrem Haar,
das lang und blond war. Sie erinnert sich, wie sie sich vorzustellen versuchte,
wie sie mit der Haarschleife aussieht. Vielleicht bemerken heute alle ihr Haar,
sie trägt es absichtlich in Fetzen. Damals sah sie ihren Hinterkopf mit der grünen
Schleife und es konnte ihr nicht so recht gefallen.
Damals war 1977. Luisa schob einen Kiesel über die Straße und überlegte, wie
sie mit der Schleife schön sein kann. Später sah sie im Fernsehen Frauen, die
schnell und fröhlich liefen, ihre Haare wippten dabei. So hatte sie sein
wollen.
Im Frühling schnitt ihr Herr Zamboni die Haare. Sein Hund schlief im
Schaufenster, in dem ein Foto mit Haarschnitt hing. Immer hielt Luisa Ausschau
nach Hunden in Schaufenstern. Als sie Jahre später in Wien einen entdeckte, ließ
sie sich die Haare schneiden. Luisa fühlte sich glücklich im Friseurstuhl, sie
schloß die Augen, dachte an Herrn Zamboni und seinen Hund, der leise vor sich
hin pfiff. Wenn Luisa jetzt einen Hund im Schaufenster sieht, läßt sie sich
die Haare nicht mehr schneiden, weil sie die Haare in Fetzen trägt.
Du hast ein schönes Kleid, sagte Herr Zamboni. Das Kleid hatte kleine Blumen.
Luisa freute sich. Er schnitt ihr das Haar bis zu den Ohren, so hatte sie es gewünscht.
Was wird mit deiner Haarschleife, fragte er. Ich schenke sie meiner Puppe.
Die Puppe sitzt immer noch auf dem Sofa, mit hellen Augen und ausgebleichter
Haarschleife, Herr Zamboni ist vor einem Jahr gestorben.
Herr Zamboni hielt ihr den Spiegel hinten an den Hals und fragte, was ist das.
Luisa schaute sich die Frisur an und sagte, es ist schön, mein Kopf ist wie ein
Ball. Herr Zamboni zeigte auf die roten Streifen am Hals.
1977 begann die Schule. Vor der Schule gab es im Frühling im Boden viele Würmer.
Luisa hatte gelernt: ein zweigeteilter Wurm lebt weiter. Sie wollte es versuchen
und mit einer kleinen Schere halbierte sie die Würmer. Manchmal aber bewegte
sich ein Teil des Wurmes nicht mehr. War es der hintere oder der vordere Teil.
An Luisas Kommunion aß die Tante Schnecken und Luisa fragte, ob die Häuser
weiterlebten. Mein Dummes, lachte die Tante und hatte eine halbe Schnecke im
Mund. Inzwischen ist die Tante verschollen. Auch sie hatte einen Hund. Er brach
sich beim Kampf mit einem größeren Hund den Kiefer und von da an hing seine
Zunge aus dem Maul. Mein erschöpfter, kleiner Hund, sagte die Tante und weinte.
Vielleicht liegt die Tante irgendwo am Strand und ißt Schnecken.
Wieso 1977.
Herr Zamboni stellte Fragen. Er streichelte Luisa das Haar und rief seinen Hund.
Luisa hatte Herrn Zamboni nicht verstanden und konnte nichts antworten. Es
dampfte und pfiff aus der kleinen Küche nebenan. Herr Zamboni liebte schwarzen
Tee. Der kommt von sehr weit her, sagte er oft. Und meistens erzählte er dann.
Es begann immer mit, zweimal war ich weit weg gewesen, und Herr Zamboni
streichelte seinen Hund. Luisa hörte ihm gerne zu.
Es verstrich die Zeit, bis Luisa sich an jenen Frühlingstag bei Herrn Zamboni
erinnerte. Im Pfarreizentrum sah sie ein Plakat. Eine weißgekleidete Frau hatte
ihre Hand auf einem schwarzen Kind. Die ganze Klasse verkaufte Nüsse und
Bananen für die Kinder, die sehr mager waren. Der Pfarrer sagte, es ist
Unrecht, wenn die Kinder Not leiden. Das hatte Herr Zamboni auch gesagt. Seither
mochte Luisa Bananen und Nüsse.
Wie kam es dazu.
Auf ihrem Schulweg paßte Sonja Schuhmacher Luisa ab. Sonja war älter und
stark. Später sahen sie sich zufällig wieder. Sonja trug eine Uniform, einen
Hut und feste Schuhe. Nachdem sie sich eine Weile angeschaut hatten,
verabschiedeten sie sich. Luisa lief ein paar Mal durch die Drehtür des
Warenhauses, bevor sie ins Freie trat und so lange auf einen Briefkasten
schaute, bis eine alte Frau sich neben sie hinstellte und von ihrer Tochter in
Chile erzählte.
Damals drückte Sonja Luisa die Hände auf den Rücken und entführte sie zum
Waldrand. Sie wehrte sich nicht, als Sonja ihr die Hände fesselte und das
T-Shirt zerriß. Luisa war aufgeregt. Es galt als Ehre, von Sonja Schuhmacher
entführt zu werden. Da sagte Sonja, während sie die Fesseln löste, du hast
Streifen auf dem Rücken, damit habe ich nichts zu tun, und lief davon.
So kam es, daß sich Luisa fürs Turnen in der Toilette umzog. Niemand fragte
nach dem Grund, darüber wunderte sie sich, aber es war ihr recht. Luisa war
gern auf der Toilette, sie buchstabierte die Kritzeleien und lernte die besten
auswendig. Wenn ihr danach war, sagte sie einen Spruch vor sich her.
Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Auch diesen Satz las Luisa,
verstand ihn aber nicht. Im Fernsehen sah sie einen Film über den Krieg. Dort
ging niemand irgendwohin. Alle waren da, wo sie schon immer waren. Zu Hause.
Sicher war, daß die Menschen Hunger hatten, die nirgendwohin gingen. Sie waren
dünn. Der Krieg war so, wie wenn Luisa jeden Tag, jahrelang, hungrig zu Hause
bleiben würde.
Und Luisa dachte, daß es im Krieg jeden Tag Bomben gäbe. Aber so war es nicht.
Manchmal gab es Bomben und Luisa merkte: nicht alle waren zu Hause geblieben.
Das Schlimmste schien Luisa zu sein, daß die einen gingen und die anderen
blieben. An dieses Gefühl erinnert sie sich gut.
Luisa glaubte, es sei Krieg, weil immer die einen gingen und die anderen
blieben. Wenn also Nataschas Mutter zu Hause war, während ihr Vater arbeitete,
sagte Luisa, es gibt Krieg. Bis Nataschas Mutter ihr erklärte, das ist so. Das
ist normal. Es ist nicht wie im Krieg, der Vater kommt am Abend wieder nach
Hause. Wenn er lange wegbleibt, dann gibt es eine Art Krieg, das nennt man aber
Streit, sagte Nataschas Mutter. Ab und zu macht Luisa heute Witze und sagt zum
Schluß, das ist normal.
Wie kam es dazu.
Es war bereits heiß draußen, als Natascha bei Luisa übernachtete. Luisa
mochte Natascha gern, weil sie dickes Haar hatte und einen Vogel mit kurzen
Beinen. Irgendwann in der Nacht bellte ein Hund und Natascha stieg zu Luisa ins
Bett und flüsterte, ich habe Angst. Es stürmt, sagte Luisa, schlaf weiter. Am
Morgen flüsterte Natascha, es war kein Sturm, sondern dein Vater. Am Nachmittag
lagen sie auf der Wiese, sie steckten sich Blumen ins Haar. Luisa fragte
Natascha, ob ihr Vater es nicht tut. Natascha sperrte die Augen auf und sagte,
nein. Auch die Väter von anderen Kindern tun es nicht. Luisa glaubte Natascha
nicht.
Luisa rannte zu Herrn Zamboni, setzte Wasser auf und hielt ihr Ohr ans Radio.
Was hast du, fragte Herr Zamboni. Ich hasse Natascha, antwortete Luisa. Habt ihr
euch gestritten? Ja, sagte Luisa. Herr Zamboni gab ihr ein Stück Kuchen und
wusch die Haare von Frau Klamett.
Es war ein ähnliches Gefühl. Die einen gehen, die anderen bleiben. Und doch
war es ganz anders, das wußte Luisa Jahre später. Für sie war normal, was für
andere nicht normal gewesen war. Das merkte Luisa. So kam es dazu, daß sie
heute Witze macht und zum Schluß sagt, das ist normal.
Im Herbst 1977 lernte Luisa, nachdem sie lesen gelernt hatte, schreiben. Sie
schrieb mühsam, das trieb der Lehrerin den Zorn in den Kopf. Sie schlug Luisa
aufs Ohr. Dann weinte die Lehrerin in die Klasse hinein und schluchzte, sie habe
es nicht gewollt.
Als Luisa nach Hause kam, schlug der Vater sie ins Gesicht und Luisa zählte.
Rechnen hatte sie mit farbigen Stäbchen gelernt. Und Luisa rechnete gern. Der
Vater weinte nicht, sondern schrie und Luisa hörte, daß sie anders war als
andere Kinder. Der Vater hob seine Finger und Luisa dachte, der Fünferstab ist
grün. Luisa zählte. Fünf und fünf und fünf. Und dann zählte Luisa rückwärts,
das war schwieriger. Der Vater ging und Luisa vergrub ihre Hände im Kissen.
Aber als die Kastanien rumlagen, traf Luisa Antonella Fotti. Ich kannte eine,
die lebte in der kleinsten Wohnung der Welt, erzählt Luisa heute, wenn es um
Wohnungen geht. Genaugenommen war es keine Wohnung, sondern ein langes,
schmales, mit Tüchern unterteiltes Zimmer. Beim schräg geöffneten Fenster im
Zimmer, da kochte Frau Fotti. Antonellas Wohnung war ein Teil des Daches, wo die
Tauben saßen. Antonella hatte ein rundes Gesicht, schwarze, kurze Haare und sah
aus wie Frau Fotti. Es war ein Glück, Antonella zu kennen, weil Antonella so
war wie Luisa.
Luisa war mit dem Hund ihrer Tante bei Antonella zu Besuch. Da kam Herr Fotti
von der Eisenbahn nach Hause. Herr Fotti schrie, wie wenn es viele Herren Fotti
in der Wohnung gegeben hätte. Vielleicht war es auch nur, weil die Wohnung so
klein war. Antonellas Vater packte den Hund und schleuderte ihn aus dem Fenster.
Der Hund der Tante hatte dann eine Gehirnerschütterung und Luisas Tante
glaubte, ihr Hund hätte den Kampf gegen den anderen Hund nicht verloren, wenn
Herr Fotti ihn nicht aus dem Fenster geworfen hätte.
Es begann die Zeit mit Antonella Fotti.
Sie spielten da, wo das Dorf fast zu Ende war und niemand mehr wohnte. Luisa und
Antonella legten Steine in die Hütte. Luisa zählte sie, es mußten immer
gleich viele sein. Die eine bewachte die Steine, die andere versuchte sie zu
stehlen. Waren alle Steine gestohlen, setzten sie sich in die Hütte, klammerten
sich aneinander und flogen davon. Wir sind der größte Vogel, riefen sie. Oft
waren auch andere Kinder da, sie spielten das Spiel mit den Steinen und Luisa
und Antonella waren stolz, daß es ihr Spiel war.
In Wien fragt Luisa irgendwelche Leute auf der Straße, was tun Sie den ganzen
Tag? Der erste sagt, Witzbold, und geht weiter. Die zweite fragt, und was tun
Sie Aufregendes? Die dritte lacht in sich hinein, das Leben ist ein Spiel. Luisa
fragt, wie meinen Sie das? Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.
Ich habe alles da drin, und sie zeigt auf die Taschen in ihren Händen und erzählt
von ihrem Leben.
Antonella hatte eine Puppe, die geffel ihr ganz gut. Sie brachte sie mit ins
Versteck. Luisa sagte, deine Puppe hat lange Haare. Ja, sagte Antonella, wir
schneiden ihr die Haare. Nein, wir reißen ihr die Haare aus. Antonellas Augen
leuchteten. Luisa riß auf der einen Seite, Antonella auf der anderen und sie
keuchten, weil es anstrengend war.
Beim nächsten Mal brachte Luisa eine Puppe mit, die sie zu Weihnachten bekommen
hatte. Sie drückten der Puppe einen stumpfen Nagel in die Augen. Mit einem Stück
Blech feilten sie an ihren Haaren. Dann setzten sie die beiden Puppen
nebeneinander und hielten sich an ihren Fingern.
Als sie sich wiedersahen, hatte Antonella im Gesicht blaue Flecken. Wegen der
Puppe, sagte Antonella. Luisa sieht Antonella vor sich, mit ihren schwarzen
Augen, nie hat Luisa Antonella weinen sehen. Aber manchmal war Antonella sehr wütend.
Frau Fotti war nie wütend, dachte Luisa. Wieso bist du so wütend, fragte Luisa
und Antonella sagte, ich werde ihn töten. Weißt du, was Rache ist, fragte
Antonella. Das war zwei Jahre später. 1979. Kurz vor der Kommunion. Sie saßen
im Wald und hatten ein Feuer gemacht. Luisa wußte es von den Filmen, Antonella
hatte es von ihrem Bruder.
Wie kam es dazu.
Frau Fotti nähte die Kleider für Antonella. Die Augen hat sie sich verwüstet,
denkt Luisa, sie arbeitete auch für andere Leute. Vom Sofa aus sah Luisa Frau
Fotti nicht, nur die Nähmaschine. Antonella aber wollte die Kleider nicht
tragen. Sie wollte ein Kleid aus dem Warenhaus. Luisa konnte das verstehen.
Im Frühling 1978 hüpfte einer hinter ihnen her und rief, du Restposten, und
Antonella fragte Luisa, was er damit meine. Luisa wußte es auch nicht und sie
gingen zu Herrn Zamboni. Luisa und Antonella waren schon oft bei ihm gewesen.
Sie schauten sich die Hefte an und die Frisuren, die Herr Zamboni schnitt. Der
Polizist wollte nicht, daß Luisa und Antonella schauten. Weil Kinder lange
schauen, sagte Herr Zamboni und schickte sie weg. Und so fragten sie immer,
kommt der Polizist heute, und meistens sagte Herr Zamboni, nein.
Antonella fragte, was sie fragen wollte und Herr Zamboni machte große Augen,
zeigte auf die Haare am Boden und sagte, das ist so was wie ein Restposten.
Wahrscheinlich hatte Herr Zamboni etwas geahnt. Mein Hund ist auch ein
Restposten, sagte er, ich habe ihn gefunden und bei mir behalten.
Luisa war dabei, als Antonella ihre Mutter anschrie, ich trage die Kleider nicht
mehr. Frau Fotti verschluckte sich und sagte das, was sie noch nie gesagt hatte,
nämlich, warte, bis der Vater von der Eisenbahn nach Hause kommt. Antonella
glaubte es nicht, aber als der Vater kam, schluchzte Frau Fotti und Herr Fotti
prügelte Antonella, bis Luisa schrie.
Seither sagte Antonella, ich gehe weg, statt, ich muß nach Hause.
An diesem Abend dachte Luisa an Nataschas Mutter. Die einen bleiben und die
anderen kommen wieder nach Hause. Das ist Krieg, dachte Luisa. Nataschas Mutter
hatte es ihr anders erklärt. Aber Luisa glaubte es nicht mehr. Ich habe Streit
mit Natascha und gehe nicht mehr zu ihr. Richtiger Krieg ist, wenn die einen
bleiben und die anderen wiederkommen. Dann schlief sie ein.
Am nächsten Tag wollte sie es Antonella sagen, Antonella aber kam die nächsten
Tage nicht zur Schule. Im Briefkasten lag ein kleiner Zettel, auf dem stand, du
bist meine Freundin, und Luisa beschloß, immer mit Antonella zusammenzubleiben.
Sie versteckte den Zettel unter dem Kopfkissen.
Es war wieder heiß, als Antonella und Luisa ein Mädchen auf die Wiese außerhalb
des Dorfes lockten. Sie zerrten an ihren Haaren und schlugen auf ihre Waden. Das
Mädchen weinte. Luisa und Antonella hatten es nicht abgemacht. Es war einfach
normal. Nachdem sie dem Mädchen den Kopf auf den Boden gedrückt hatten, ließen
sie es laufen. Dann hielten sie sich an den Fingern und Luisa küßte Antonella
zum Abschied.
Das war 1978.
Antonella und Luisa hatten Schwestern. Sie waren kleiner. Antonella und Luisa füllten
Rucksäcke mit Steinen, zu den Schwestern sagten sie, kommt, wir machen eine
Schulreise. Es wird schön, und Antonella zwinkerte Luisa zu. Einige Jahre später
schlug Luisas Schwester Luisa, Antonella war wieder in Italien. Und die Welt
drehte sich in die verkehrte Richtung.
Luisa und ihre Schwester waren im Kinderzimmer. Die Farben des Teppichs hatten
Luisa gefangengenommen, es kam ihr alles sehr häßlich vor. Aber sie wußte
nicht, wie es hätte besser sein können. Luisas Schwester malte. Luisa sah die
Stifte kreisen und sie packte ihre Schwester am Schopf. Da war nichts Außergewöhnliches.
Luisa schlug ihre Schwester, Luisa hatte den Grund vergessen, ihre Schwester
weinte. Das gehörte dazu. Dann aber stand Luisas Schwester auf, schaute Luisa
fest an und schlug sie auf den Kopf und Luisa weinte.
Antonella hatte sich beim Baden den Knöchel verstaucht. Das Mädchen von der
Wiese trommelte eine Gruppe zusammen. Sie umkreisten Antonella, stießen sie,
traten ihr auf die Füße. Es war die Gelegenheit, weil Antonella sonst
davongerannt wäre, sie war immer die Schnellste. Mit einem Stock trieb Frau
Leuenberger die Kinder auseinander. Antonella war verletzt und Luisa wütend.
Antonella sagte, es tut nicht weh, zu Hause gibt’s auch Schläge. Luisa wußte,
daß Antonella recht hatte, weil es ihr damals auch nicht richtig weh tat. Erst
als Luisas Schwester Luisa auf den Kopf schlug, ffng es an, anders weh zu tun.
Luisa spielte das Kind, Bernhard Tobler den Lehrer. Sie probten ein Theaterstück
in der Schule, im Winter 1978. Bernhard hatte einen Stecken in der Hand, damit
zeigte er auf die Wandtafel und Luisa hörte ihm zu. Bei der Vorführung aber
kniete Luisa vor Bernhard nieder. Und niemand außer Antonella wußte, was los
war. Luisa erinnert sich an Bernhards geringelte Socken, die aus den Hosen
schauten, solche hatte sie noch nie gesehen.
Herr Zamboni sagte zu Luisa, du hast schön gespielt. Er streichelte ihr das
Haar und rief seinen Hund. Luisa erzählte Herrn Zamboni von Bernhards
geringelten Socken und daß sie ihm einen Brief schreiben wolle. Herr Zamboni
schenkte ihr eine Schuhschachtel mit Filzstiften. Zwanzig, zählte Luisa und sie
war glücklich. Luisa schrieb einen richtigen Brief mit einer Zeichnung und
besuchte Bernhard in seinem Zimmer.
Das Zimmer war sehr groß und Bernhard hatte keinen Vater. Wo ist deine Mutter,
fragte Luisa, sie arbeitet, antwortete Bernhard. Beim Schulbesuch sah Luisa
Bernhards Mutter, sie hatte eine hohe Frisur und an jedem Finger einen Ring.
Luisa hatte noch nie eine solche Mutter gesehen und sie dachte, es müsse mit
den Socken zu tun haben. Bernhard machte Brote, das fand Luisa beeindruckend,
Bernhard aber sagte, das ist normal.
Er zeigte Luisa seine Spielsachen und sie erinnert sich an die vielen Roboter,
damals war das eine Sensation. Bernhard kannte all ihre Namen und Luisa merkte,
daß Bernhard seine Roboter liebte.
Luisa erzählte es Antonella und sie spielten, was sie noch nie gespielt hatten.
Sie spielten Mutter und Kind, sie spielten Bernhard und Bernhards Mutter. Luisa
und Antonella waren aufgeregt, sie malten Ringe um Antonellas weiße Socken. Und
die, die Bernhard spielte, machte Brote.
An einem Tag im Winter 1978 spielten sie Roboter und Antonella konnte mit Luisa
tun, was sie wollte. Antonella hatte Luisa ausgezogen, da kam Frau Fotti zur Tür
herein. Frau Fotti ließ die Tasche fallen und streckte ihre Hände zum Dach.
Antonella und Luisa konnten nichts sagen, weil sie nicht wußten was. Sie sahen,
daß Frau Fotti sehr aufgeregt war. Dann durfte Luisa Antonella nicht mehr
besuchen und Antonella war sehr wütend.
Es verstrich die Zeit, bis Luisa sich an jenen Frühlingstag bei Herrn Zamboni
erinnerte. Das Pfarreizentrum wurde für die Kommunion geschmückt. Luisa und
Antonella standen vor einem Plakat. Eine weißgekleidete Frau hatte ihre Hand
auf einem schwarzen Kind und sie fragten den Pfarrer, weshalb die Frau das
mache. Der Pfarrer sagte, es ist unrecht, wenn die Kinder Not leiden. Das hatte
Herr Zamboni auch gesagt. Die ganze Klasse verkaufte dann Bananen und Nüsse für
die Kinder, die sehr mager waren. Seither mochte Luisa Bananen und Nüsse.
Das war im Frühling 1979.
Und nie aß Luisa das eine ohne das andere.
Antonella und Luisa saßen im Wald und machten ein Feuer. Weißt du, was Rache
ist, fragte Antonella. Luisa wußte es von den Filmen, Antonella hatte es von
ihrem Bruder. Die Kartoffeln lagen eingepackt im Feuer und Luisa fühlte, daß
Antonella sehr ernst war. Ich werde ihn töten und das ist Rache, sagte
Antonella. Luisa wußte später, daß es so nicht gehen konnte. Rache ist, wenn
jemand schon tot ist. Jemand anderes hätte es für Antonella tun müssen.
Antonellas Vater kam von der Eisenbahn nach Hause und für den Abend waren die
Fottis eingeladen. Antonella hatte keine Lust, Frau Fotti sagte schnell,
Antonella müsse still sein. Antonella war nicht still und Herr Fotti prügelte
sie ins Auto.
Im Festsaal im Restaurant saß Antonella unter dem Tisch, nachdem sie alle
angeschaut hatte. Dann sah Antonella die Schuhe der Erwachsenen und sie waren
alle gleich und Antonella sagte später, am liebsten hätte ich geweint.
Sie war fast schon eingeschlafen, als Herr Fotti sie unter dem Tisch hervorzog.
Er hatte ein Stück Schinken gewonnen und Antonella hatte ihn noch nie so
gesehen, er war fröhlich. Sie fuhren durch den Wald, Herr Fotti wurde immer fröhlicher,
er fuhr immer schneller und Antonella umklammerte den Sitz der Mutter. Warum
will der Vater so schnell nach Hause, flüsterte Antonella der Mutter ins Ohr.
Die Mutter bewegte die Lippen, aber Antonella konnte nicht verstehen, was sie
sagte.
Zuerst hatte die Straße Kurven, nachher ging es immer geradeaus. Der Vater drückte
auf die Hupe und sang. Plötzlich wurde es hell im Auto, zwei Lichter rasten auf
uns zu. Die Mutter faltete die Hände, ich duckte mich zwischen die Sitze, jetzt
ist es aus, dachte ich. Luisa sah alles vor sich und hielt Antonella an den
Fingern. Und dann sagte Antonella, ich werde ihn töten.
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