Elnaser Abdelwahab

Lindenbäume

Lindenbäume Heidelberg, 18.02.2003

 

Sie steigen langsam aus der Zeit

in der sie eingebunden waren

und wachen wie zur Ewigkeit

allmählich auf aus Blütenjahren

 

und in Gewändern und in Stücken

vollzieht sich rauschend ihr Verzug :

Sie treiben welkes Laub aus Lücken

umschwärmten Himmels. Durch den Pflug

 

vereinen sich die zarten Rinden

mit weissen Lilien. Strauch und Ast

verweben bald das Grün von Linden

in losen Wurzeln zum Damast

 

der Frühlingsträume. Sie erstehn

in unsrer Welt als kleine Riemen,

als stille Träger auf und gehn

in heller Tracht wie Holztantiemen

 

zu unsren Händen leerer Schalen,

dort hingehalten, wo wir flehn,

und doch bereichert sind und malen

des Lebens wandelnde Alleen.

________

 

Sie wachsen mit uns und erstaunen

an unsrem dumpfen, derben Raunen,

das, aufgebracht, die Welt entstellt

und sich zum dunklen Leid gesellt

 

ein selbsterdachtes und ersehntes

dem müden Treiben aufgelehntes,

laut fortgerissen aus der Zeit

der längst zerstreuten Seligkeit.

 

Wir halten Aussicht und gewahren

in ihnen Sehnsucht. Was sie waren

ist uns ein Perlendiadem,

ein reiches Schmuckstück, ein Emblem

 

des aufgetanen, reinen Schweigens,

das unsre rege Welt des Reigens

mit ihrem Tanze sanft umschliesst

in einem Kreise. Doch es fliesst

 

aus ihren erst geweihten Wunden

die Heiligkeit der grünen Stunden.

Sie dehnen sich in ihr im Raum

und sind uns Nostalgie und Traum

 

und wehes Langen nach dem Keime

dem einzig aufgeblühten Reime,

der ausgereift doch früh gedeiht,

aus Bildern der Vergänglichkeit.

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