Wenn der Außenländer dichtet...
Wenn der Außenländer dichtet
- dieser Tag ist nicht mehr fern -
schreibt er nicht vom blauen Himmel
mit dem hohen, hellen Stern.
Nicht von wunderschönen Gärten
oder wunderschönem Licht...
Wenn der Außenländer dichtet,
schreibt er ja aus seiner Sicht.
Aus den Tiefen seiner Seele
steigt empor ein fremder Klang.
Seine Feder schreibt es nieder:
Aus dem Hohn wird dann Gesang.
Und er singt es immer wieder,
wenn auf Deutschland Winde wehn,
bis die Verse seiner Lieder
wie die Ähren untergehn.
Er besingt die ferne Jugend
und die Zeit, wo er noch litt,
und die eingesteckten Leiden,
und den bangen, müden Schritt.
Wenn der Außenländer dichtet,
hat die Welt davon nicht viel,
denn die Welt reicht - selbstverständlich -
von Schaffhausen bis nach Kiel.
Wenn der Außenländer dichtet,
dichten alle Leute mit
und man sagt sich: Wenn DER dichtet,
warum sollt ik selber nit?
Wenn der Außenländer dichtet...
darf er das? Wenn man's so mißt,
fehlt der Aufenthaltserlaubnis
noch ein Stempel: Ohne Frist!
Wenn der Außenländer dichtet
in dem Außenländerland...
hören ihn doch nur die Stühle
seines Zimmers... und die Wand.
Denn wenn er es wagt und dichtet
auf dem grünen Nachbarsfeld,
prügelt ihn der gute Heinrich
und verlangt auch noch sein Geld.
Und das sehen Katz und Hase,
ja Herr Schwein ist gar dabei.
Dieser nickt und flucht verächtlich
auf die "Außenländerei".
Wenn der Außenländer dichtet
haben Nazis keine Ruh,
denn der Außenländer dichtet
und der Deutsche läßt es zu!!
Und es gründen die Parteien
aus dem Anlaß einen Bund.
Sie erörtern Deutschlands Lage
und erforschen bis zum Grund
nach dem Wesen jener Plage
- kurzgenannt die Fremdenfrage -
die uns Deutschen heutzutage
liegt am Herzen... und im Mund.
Dann beschließen Sie gemeinsam
mit viel Mühe und Geduld:
Unser Ossi nicht alleine
ist an Deutschlands Krise Schuld
Denn der Außenländer betet...
und er dichtet ungeniert
und nach all den langen Jahren
hat er sich nicht integriert.
Wer in Deutschland leben möchte,
muß doch richten, so wie wir,
seine Haut nach EG-Normen
und den Kopf nach DIN-A4.
Er muß zähmen seine Schmerzen,
tief begraben... seine Glut
und die buntbemalten Kerzen
dankend nehmen... für sein Blut.
Er muß leiden... und vermeiden,
was dem Ansehn Schaden tut:
Nicht die fremden Lieder singen
neben offnem Nachbarsgut
Und auf enger Straße möglichst
wenig fröhlich... ohne Mut
Und den Kopf... den Kopf vor allem
ganz verstecken unterm Hut.
Wenn der Außenländer dichtet
fließt die Seele in den Reim.
Sie erblickt die grünen Täler
und die Wiesen von Daheim.
Und sie hört das ferne Singen
der Gazellen um den Teich
und es tanzen... und es schwingen
mit den Wellen - engelgleich -
Melodien der alten Liebe
und der Sehnsucht... schmerzensbleich.
O Du wunderschöne Heimat
O Du fernes Himmelsreich
Wo die Lebensblüten keimen
Wo die Liebeswörter reimen
Wo die Blumen - seideweich -
sich der Mutter Sonne zeigen
in der hellen, bunten Pracht...
Laß mich fliegen... laß mich steigen
aus der dunklen, deutschen Nacht
Heute Abend schweig ich wieder.
Morgen früh ist es so weit.
Meine Verse, meine Lieder
nehm ich mit mir... und zu zweit
fliehen wir bevor er regnet
Blut und Asche in dem Land
Wo die Kinder Helme tragen
Und die Schüler niemals fragen
Nach dem fernen Heimatsland
(1996)
Rezension I Buchbestellung III02 © LYRIKwelt