Ernest Renan
*28.Februar 1823 in Tréguier/Frankreich, +2.Oktober 1892 in Paris/Frankreich
Stationen u.a.: Französischer Religionswissenschaftler, Orientalist und Schriftsteller. Soll auf Wunsch der Mutter Priester werden. Empfängt 1844 die ersten Weihegrade, danach durch sein Studium schwerwiegende Zweifel an der historischen Wahrheit der Heiligen Schrift.
Arbeitsgebiete: Gedicht, Erzählung, Roman
Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl):
-
- Mitglied der Académie francaise.
Veröffentlichungen (Auswahl): Das Leben Jesu (2003, Diogenes).
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Aus: Ernest Renan, Das Leben Jesu, S.215-218
Unter
den Menschensöhnen gibt es kein größeren als Jesus.
Kann man mit mehr Recht sagen, daß Jesus alles dem Judentum verdanke und daß
seine Größe nur die des jüdischen Volkes gewesen? Niemand ist geneigter als
ich, dieses einzige Volk, dessen eigentümliche Gabe es gewesen zu sein scheint,
in seinem Schoße die Extreme des Guten und Bösen zu tragen, hoch zu stellen.
Ohne Zweifel geht Jesus aus dem Judentum hervor; aber er geht so daraus hervor
wie Sokrates aus der Sophistenschule, wie Luther aus dem Mittelalter, wie
Lamennais aus dem Katholizismus, wie Rousseau aus dem 18. Jahrhundert. Man
entstammt seinem Jahrhundert und seinem Stamme, selbst wenn man sich gegen sie
auflehnt. Weit entfernt, Fortsetzer des Judentums zu sein, stellt Jesus vielmehr
den Bruch mit dem jüdischen Geist dar. Wenn man auch annimmt, daß sein eigener
Gedanke in dieser Beziehung etwas Zweideutiges bieten könnte, so entscheidet
doch die allgemeine Richtung des Christentums nach ihm. Der allgemeine Gang des
Christentums war der, sich immer weiter vom Judentum zu entfernen. Seine
Vervollkommnung wird auf Jesus zurückzuführen sein und gewiß nicht auf das
Judentum. Die große Originalität des Begründers bleibt also unversehrt; sein
Ruhm läßt keinen rechtmäßigen Teilhaber zu.
Allerdings trugen die Umstände viel zum Erfolg dieser wunderbaren Revolution
bei, aber die Umstände kommen nur dem Gerechten und Wahren zur Hilfe. Jeder
Zweig der Entwicklung der Menschheit hat seine begünstigte Epoche, wo er durch
eine Art von freiwilligem Instinkt und ohne Anstrengung seine Vollkommenheit
erreicht. Keiner Arbeit der Reflexion gelingt es nachher, die Meisterwerke
hervorzubringen, welche die Natur in solchen Augenblicken durch begeisterte
Genies schafft. Was die Blütezeit Griechenlands für die Künste und profanen
Wissenschaften war, das war die Zeit Jesu für die Religion. Die jüdische
Gesellschaft bot den merkwürdigsten geistigen und sittlichen Zustand dar, den
das Menschengeschlecht je durchlebt hat. Es war in der Tat eine jener göttlichen
Stunden, in denen das Große aus dem geheimen Zusammenwirken tausend verborgener
Kräfte hervorbricht, in denen schöne Seelen von einem Strom von Bewunderung
und Sympathie getragen werden. Die Welt, von der engen Tyrannei der kleinen städtischen
Republiken befreit, genoß große Freiheit. Erst weit später machte sich der römische
Despotismus auf verderbliche Weise fühlbar und blieb selbst dann in diesen
entlegenen Provinzen weniger drückend als im Mittelpunkt des Reiches. Unsere
kleinen präventiven Schikanen (weit tödlicher als der Tod für Sachen des
Geistes) gab es noch nicht. Jesus konnte drei Jahre hindurch ein Leben führen,
welches ihn in unserer Gesellschaft zwanzigmal vor das Polizeigericht gebracht hätte.
Selbst schon unsere Gesetze über unbefugte Ausübung der Heilkunst hätten
ausgereicht, um seine Laufbahn abzubrechen. Anderseits bekümmerte sich auch die
ungläubige Dynastie des Herodes wenig um religiöse Bewegungen; unter den Asmonäern
wäre Jesus wahrscheinlich bei seinen ersten Schritten angehalten worden. Ein
Neuerer setzte in einem solchen gesellschaftlichen Zustand nur sein Leben aufs
Spiel, und der Tod ist gut für die, welche für die Zukunft arbeiten. Man
stelle sich Jesus vor, gezwungen, sechzig oder siebzig Jahre lang die Bürde
seiner Göttlichkeit zu tragen, seine göttliche Flamme verlierend, nach und
nach sich unter dem Zwang einer unerhörten Rolle abnutzend. Alles begünstigt
die, welche ein Zeichen tragen; sie schreiten hin Ruhme, unwiderstehlich und
durch schicksalhafte Order mitgerissen. Diese erhabene Persönlichkeit, die
jeden Tag noch das Geschick der Welt leitet, darf man göttlich nennen, nicht in
dem Sinne, daß Jesus alles Göttliche allein in sich aufgenommen hätte oder adäquat
gewesen sei (um den scholastischen Ausdruck zu gebrauchen), sondern in jenem, daß
Jesus der Mensch war, welcher sein Geschlecht den größten Schritt zum Göttlichen
tun ließ. Die Menschheit im ganzen bietet eine Vereinigung von niedriger
egoistischen Wesen dar, die nur dadurch höher stehen, als das Tier, daß ihr
Egoismus überlegter ist. Aber inmitten dieses gleichförmigen gemeinen Haufens
erheben sich Säulen gen Himmel und zeugen von einer edleren Bestimmung. Jesus
ist die höchste dieser Säulen, welche dem Menschen zeigen, von wo er kommt und
wohin streben soll. In ihm hat sich alles Gute und Erhabene unserer Natur
verdichtet. Er war nicht unfähig zu sündigen; er hat dieselben Leidenschaften
besiegt, die wir bekämpfen; kein Engel Gottes hat ihm Kraft gegeben, außer
seinem guten Gewissen; kein Satan hat ihn versucht, außer der, den jeder im
Herzen trägt. Ebenso, wie manche seiner großen Seiten uns durch die Schuld
seiner Schüler verlorengegangen sind, ist es wahrscheinlich, daß viele seiner
Fehler verheimlicht wurden. Aber nie hat jemand in seinem Leben das Interesse
Menschheit so sehr über die Kleinlichkeiten der Eigenliebe überwiegen lassen.
Ohne Rückhalt seiner Idee hingegeben, hat er ihr alles solchem Grade
untergeordnet, daß gegen das Ende seines Lebens das Universum nicht mehr für
ihn existierte. Durch diese Kraft des heroischen Willens hat er den Himmel erstürmt.
Es gibt keinen Menschen, Cakya-Muni vielleicht ausgenommen, der so weit die
Familie, die Freuden dieser Welt, jede zeitliche Sorge verachtet ha: Er lebte
bloß seinem Vater und der göttlichen Aufgabe, von deren Erfüllung er überzeugt
war. Wir ewigen Kinder, zur Ohnmacht verdammt, die wir arbeiten ohne zu ernten
und nie die Früchte sehen werden von dem, was wir gesäet, beugen wir uns vor
solchen Halbgöttern. Sie verstanden, was wir nicht können: zu schaffen, zu
bejahen, zu handeln. Wird die große Ursprünglichkeit wieder erstehen oder wird
die Welt sich begnügen, fernerhin die Bahnen zu verfolgen, welche durch die kühnen
Schöpfer der alten Zeiten eröffnet wurden? Wir wissen es nicht. Aber welche
unerwarteten Erscheinungen die Zukunft auch bringen mag, Jesus wird nicht übertroffen
werden. Sein Gottesdienst wird sich unaufhörlich verjüngen: seine Legende wird
Tränen ohne Ende hervorrufen, seine Leiden werden die besten Herzen rühren;
alle Jahrhunderte werden verkünden, daß unter den Menschensöhnen kein größerer
denn Jesus geboren ist.